MAGAZIN – LEBEN IN ISRAEL

Kolumne: Ein Leben ohne Brot

in Kolumne/Leben, Kultur & Sport

Pessach, der Feiertag der Freiheit naht und alles, was ich so von den Menschen um mich herum höre, hat erst einmal wenig mit Freiheit zu tun. Die Nanny meines kleinen Sohnes zum Beispiel steht im Moment jeden Morgen um halb drei auf, um überhaupt mit der Pessachreinigung hinterherzukommen. Denn an Pessach steht der Frühjahrsputz an. Natürlich mit religiösem Vorzeichen, denn gereinigt wird in diesen Tagen vor allem, um auch noch den letzten Krümel Chametz aus den eigenen vier Wänden verschwinden zu lassen. Denn beim Auszug aus Ägypten hatten die Israeliten nicht genug Zeit, um das Brot säuern und gären zu lassen und nahmen es einfach so mit. Und im Judentum machen wir uns gerne auch heute noch das Leben so schwer, wie es früher mal war.

Chametz, das Gesäuerte, ist also an Pessach verboten: Und damit alle Sachen, die Weizen, Hafer, Roggen, Gerste oder Dinkel enthalten und die bei ihrer Herstellung mehr als 18 Minuten mit Wasser in Berührung waren.

Also: ALLES!

Ich persönlich lebe von Brot, Pasta und Haferbrei. Wenn ich diese elementaren Dinge nicht mehr essen kann, bleibt nicht viel. Für mich ist Pessach daher vor allem das Fest der kulinarischen Unfreiheit. Und wer mich kennt, weiss, dass da der Spass für mich aufhört. Ich mag auch gerne Fleisch. Aber am liebsten Roastbeef mit Senf und sauren Gurken. Auf Brot!
Zum Glück tobt seit einigen Jahren dieser Gluten-Wahn durch unsere westliche Welt, so dass man mittlerweile auch in Israel glutenfreies und damit pessach-freundliches Brot (wobei der Begriff „Brot“ in diesem Zusammenhang fast ketzerisch scheint, nennen wir es „glutenfreie Brotersatzmasse“) kaufen kann, was ich im grossen Stil tue, denn ein Leben ohne Brot ist möglich, aber sinnlos.

Gerade wir Deutschen bilden uns ja so wahnsinnig viel auf unser Brot ein. Die Kruste. Das Vollkorn. Frisch vom Bäcker. Der Duft aus der Papiertüte. Nahrungsmittelpornografie sozusagen. Eine Woche ohne Brot auszuhalten, fällt mir also wirklich schwerer als 25 Stunden Fasten an Yom Kippur.

Aber die Pessachfeiertage bergen auch noch andere Tücken: Fast alle Israelis haben in dieser Woche frei. Wer sich einmal an einem Freitagvormittag über den Markt in Tel Aviv durch die Besuchermasse geschoben hat, kann sich vorstellen, welche Ausmasse das annimmt. Das ganze Land ist auf Achse. Weil an den meisten Pessachfeiertagen (anders als am Schabbat beispielsweise) auch religiöse Juden Autofahren dürfen, verbringen die meisten Ausflügler Pessach im Stau. Da steht man dann, die Kinder schreien von der Rückbank. Der Fuss ist eingeschlafen und der Handyakku ist leer von den vielen Navigationsupdates und betet, dass man endlich wieder arbeiten gehen kann. Wenn man wenigstens ein leckeres, selbst geschmiertes Brot essen könnte – das nirgendwo so gut schmeckt, wie im Auto- aber nein, man kaut frustriert auf Matzot-Pappe (der offizielle Pessach-Brotersatz) herum, die zwar nicht satt macht, aber dafür verstopft.

Und man fragt sich nicht mehr, warum wir Juden 40 Jahre durch die Wüste gezogen sind, um dann an dem einen Ort Halt zu machen, an dem es kein Erdöl gab – sondern warum wir nicht, verdammt nochmal, fünf Minuten länger warten konnten, um das Brot aufgehen zu lassen. Im Namen der Freiheit!

Leider verboten: An Pessach gehen Brotliebhaber wie die Autorin durch schwere Tage (Bild: Pixabay).

Redakteurin Katharina Höftmann arbeitete im Auslandsbüro der dpa in Tel Aviv und für die WELT ONLINE. Sie lebt als freie Journalistin und Buchautorin in Tel Aviv («Guten Morgen Tel Aviv», «Die letzte Sünde»).

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