MAGAZIN – LEBEN IN ISRAEL

Nicht-Jüdische Einwanderung in Israel: „Ich werde die rosa-rote Brille nicht los“

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Der Gedanke der Einwanderung ist in Israel seit jeher von dem Ziel geprägt, jüdische Einwanderer anzuziehen. Die offizielle Einwanderungsorganisation „Jewish Agency“ kümmert sich ausschliesslich um Menschen jüdischer Abstammung, die aus Ländern wie den USA, Frankreich oder Russland nach Israel einwandern und damit „Aliyah“ machen wollen. Mehr und mehr kommen jedoch auch Nicht-Juden ins Land, um in Israel zu leben und zu arbeiten. Manchmal ist es die Liebe, die sie nach Israel zieht, manchmal der Job und manchmal auch nur die schlichte Begeisterung für den jüdischen Staat. Wir haben mit vier nicht-jüdischen, deutschsprachigen Einwanderern über ihre Erfahrungen in der neuen Heimat gesprochen…

Von Katharina Höftmann

„Ole Chadash“ oder die weibliche Form „Ola Chadasha“ sind in Israel Zauberwörter. Sie besänftigen selbst die ruppigsten Taxifahrer und bewirken ein Glänzen in den Augen bei der desinteressiertesten Verkäuferin. Die „Olim“, der Begriff wird ausschliesslich für Einwanderer mit jüdischen Wurzeln genutzt, sind Neueinwanderer. Es sind diejenigen, die Aliyah nach Israel gemacht haben und damit im wörtlichen Sinne „aufgestiegen“ sind. Mehr und mehr gibt es aber auch nicht-jüdische Neuankömmlinge im Land: für sie ist der Umzug nach Israel oft eine ebenso intensive Herzensangelegenheit. Anders als die jüdischen „Olim“ bekommen sie jedoch kaum Unterstützung vom Staat.

„Anfangs hatte ich das Gefühl, Israel war gar nicht begeistert von mir.“, erzählt die Schriftstellerin und Journalistin Sarah Stricker, die das erste Mal im Rahmen einer Journalistenreise ins Land kam, „Damals wurde ich oft gefragt, warum ich Hebräisch lerne. Die zweite Frage war dann, ob ich Jüdin sei. Wenn ich verneinte, fragten mich die Leute, was ich hier eigentlich machte. Dazu kam, dass wir im Rahmen unseres Programms viele Vorträge dazu hörten, warum das Land unbedingt seinen jüdischen Charakter beibehalten müsse. Das habe ich als Zurückweisung empfunden.“ Dieses Gefühl hat sich für die 33-Jährige Stricker glücklicherweise geändert, als sie schliesslich vor knapp vier Jahren dank eines Journalistenstipendiums und aus Liebe zum Land nach Israel gezogen ist. Mittlerweile versteht sie, dass Israelis einfach neugierig sind und schon mal schnell intime Fragen stellen. Und sie hat das Gefühl, dass die Leute um sie herum ihre Geschichte sogar gut finden. „Die meisten Israelis haben ja so ein kleinen Komplex und denken, dass es überall schöner ist, als in Israel. Sie verstehen nicht, warum man hier sein will, wenn man doch auch in Berlin leben könnte. Deswegen finden es viele besonders toll, dass ich in Israel lebe und dass obwohl ich nicht einmal Jüdin bin.“

Die deutsche Autorin Sarah Stricker fand in Tel Aviv die Inspiration und Ruhe ihren hoch gelobten Roman „Fünf Kopeken “ fertig zu stellen. (Bild: Win Schumacher)
Die deutsche Autorin Sarah Stricker fand in Tel Aviv die Inspiration und Ruhe ihren hoch gelobten Roman „Fünf Kopeken “ fertig zu stellen. (Bild: Win Schumacher)

Gründe, nach Israel zu kommen „obwohl“ man keine jüdischen Vorfahren hat, gibt es viele. Für die meisten Einwanderer, die sich im Facebook-Forum „Swiss, Germans and Austrians living in Israel“ austauschen, war die Liebe zu einem Israeli oder einer Israelin der beste Grund. Ein Phänomen, das man besonders in Tel Aviv beobachten kann. „Import-Bräute“ werden die vornehmlich weiblichen Einwanderer im Sprachprogramm „Ulpan“ scherzhaft genannt. Sie kommen aus Brasilien, den Niederlanden, Frankreich und natürlich Deutschland oder der Schweiz. Gefühlt kommen auf zehn aus Liebe eingewanderte Frauen, zwei Männer. Mit einem israelischen Partner an der Seite ist vieles einfacher. Man bekommt sogar ein Visum, ohne heiraten zu müssen. Jeweils auf ein Jahr begrenzt erlaubt es einem, wenn man auch offiziell den Status eines Touristen beibehält, im Land zu leben und zu arbeiten. Wieviele Menschen in Israel mit diesem Partnerschaftsvisum leben, kann man aus offiziellen Zahlen nicht ablesen. Das erteilte „B 1“-Visum bekommen auch Gastarbeiter aus Thailand und den Philippinen genauso wie Universitätsangestellte oder Experten im High- Tech-Bereich.

Aber die Liebe zu einem Israeli verschafft den meisten auch eine gewisse rosa-rote Brille für das ganze Land: „Wenn man so richtig verknallt ist und es in der Liebe stimmt, dann kann drumherum so einiges komisch sein – man merkt das gar nicht.“, beschreibt der Schweizer Samuel Suter, der im Oktober 2011 für seine israelische Frau Gabi nach Tel Aviv gezogen ist. „Ich werde meine rosa-rote Brille auch gar nicht mehr los. Ich finde Israel toll. Das Leben hier ist einfach viel spannender als in der Schweiz und die Leute sind es auch.“ „Komisch“ findet Suter trotzdem so einiges am Land. Vieles läuft seiner Meinung nach in Israel einfach nicht richtig. Von der Sozialpolitik bis zum Nahostkonflikt. „Israelis leben einfach zum Teil unter miesen Bedingungen, es gibt zum Beispiel keinen Mieterschutz. Es gibt eine Mittelschicht, die sich die meisten Mieten komplett nicht leisten kann. Dafür mag es historische Gründe geben, aber das muss man doch mal abstreifen.“ Suter hat sich trotz allem mittlerweile gut eingefunden. Er ist erfolgreich als Kommunikationsberater tätig und geniesst das Leben mit seiner Frau in Tel Aviv.

Samuel Suter ist aus Liebe zu seiner israelischen Frau ins Land gekommen – und immer noch glücklich wie am ersten Tag. (Bild: privat)
Samuel Suter ist aus Liebe zu seiner israelischen Frau ins Land gekommen – und immer noch glücklich wie am ersten Tag. (Bild: privat)

So gut läuft es nicht für alle Einwanderer. So europäisch sich das Leben in der Metropole Tel Aviv mit seinen Cafés, Restaurants und Clubs auch präsentieren mag – Israel unterscheidet sich in vielem von dem Leben, das man aus Deutschland und der Schweiz kennt. Für manch einen, und das betrifft auch jüdische Einwanderer, werden diese Unterschiede irgendwann unerträglich. So ging es Rebecca Sarel, die drei Jahre in Israel gelebt hat, inzwischen aber in Frankfurt studiert. Gekommen war sie als 18-Jährige, um ein Praktikum in Jerusalem zu machen. Die Magie Israels, die sie in einem Schüleraustausch kennengelernt hatte, liess sie nicht mehr los. Sie verliebte sich in das Land und später auch in einen Israeli. Sie heiratete, konvertierte zum Judentum und arbeitete als Babysitter. Glücklich wurde sie nicht.

„Ich habe versucht, mich in die israelische Gesellschaft zu integrieren. Ich war oft patriotischer als mein Mann. Aber man wird nicht so einfach hier aufgenommen. Wenn man nicht jüdisch ist, hat man es grundsätzlich schwerer. Aber es gibt einfach auch wesentliche Unterschiede in der Mentalität. Ich bin eher schüchtern und introvertiert. Du musst aber ständig schreien, um das zu bekommen, was du willst. Ich kam mir hier manchmal vor, wie im Irrenhaus. Ich wurde in Israel nie ernst genommen. Die Leute haben mich förmlich überfahren, zur Seite gedrängelt.“ Am Ende wollte Sarel nicht einmal mehr in den Supermarkt gehen. Obwohl sie es sich immer sehr gewünscht hatte, in Israel zu leben, Teil des Landes zu werden – irgendwann fühlte sie sich in Israel nur noch alleine.

Rebecca Sarel und ihr Mann Roe leben mittlerweile in Frankfurt. (Bild: privat)
Rebecca Sarel und ihr Mann Roe leben mittlerweile in Frankfurt. (Bild: privat)

Sie begann alles mit Deutschland zu vergleichen und sich immer mehr nach der Heimat zu sehnen. Nach dem unkomplizierten Leben, das man sich dort auch als Studentin leisten kann. Nach einem Leben, in dem es keine Raketenalarme und Ausnahmesituationen durch Kriege gibt. Für ihren Mann war der Schritt nach Deutschland nicht einfach. In Israel arbeitete er in einer renommierten Anwaltskanzlei, er hat ein sehr enges Verhältnis zu seiner Familie, die ihn nur schweren Herzens gehen liess. Rebecca hingegen ist zurück in Deutschland unendlich glücklich. Sie hofft, dass es über kurz oder lang auch ihrem Mann genauso gut gefallen wird.

So sehr die Liebe zu Israelis beim Leben hilft, manchmal ist es fast besser, aus „freien Stücken“ ins Land zu kommen. Die Schriftstellerin Sarah Stricker glaubt, dass es für sie manchmal leichter ist, in Israel zu leben, weil sie es eben nicht „muss“. Weil sie jederzeit auch wieder nach Deutschland ziehen könnte, ohne die Liebe ihres Lebens zu verlieren. Auch der Schweizer Gastronom Christian Bindella glaubt, dass er es noch „lange in Israel aushalten wird“. Gekommen als Student, hat die Regierung ihm mittlerweile ein Expertenvisum ausgestellt. Im kommenden Februar will er auf der Montefiore Strasse in Tel Aviv ein italienisches Restaurant eröffnen. „Klar sind die Israelis manchmal etwas grober, aber ich habe das Gefühl, dass ich hier trotzdem gut reinpasse.“ Ob er ein ganzes Leben bleiben wird, weiss der 28-Jährige nicht. Aber für den Moment geniesst er die Stadt, das Nachtleben, die vielen hervorragenden Restaurants und natürlich das Wetter. Denn da sind sich immerhin alle Einwanderer einig, das Wetter in Israel ist im Vergleich zur Heimat Schweiz oder Deutschland einfach unschlagbar.

Christian Bindella geniesst das Leben in Tel Aviv in vollen Zügen. (Bild: privat)
Christian Bindella geniesst das Leben in Tel Aviv in vollen Zügen. (Bild: privat)

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Redakteurin Katharina Höftmann arbeitete im Auslandsbüro der dpa in Tel Aviv und für die WELT ONLINE. Sie lebt als freie Journalistin und Buchautorin in Tel Aviv («Guten Morgen Tel Aviv», «Die letzte Sünde»).

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