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Medizintourismus in Israel – Umstrittener Boom-Markt

in Israel Zwischenzeilen/Reportagen

Die Gesundheitsversorgung in Israel ist Weltspitze, die Preise sind vergleichsweise moderat. Immer mehr schwerkranke Patienten, vor allem aus Russland, reisen zur Behandlung nach Israel. Besuch bei einer jungen Firma in einem umstrittenen Markt.

Manor Medical ist eine der führenden Agenturen im boomenden Markt für Medizintourismus. Allein die 50 Mitarbeiter von Manor – darunter sechs Ärzte – bringen jeden Monat 150 Patienten nach Israel. In dieser Rolle bringt Manor den öffentlichen Krankenhäusern ‚Kunden’ – und steht gleichzeitig in Konkurrenz zu deren Abteilungen für Medizintourismus.

Der seit einigen Jahren boomende Markt ist in Israel nicht reguliert. Umstrittene neue Vorschriften von 2011, die eine Maximalquote an ausländischen Patienten vorsehen, warten noch immer auf Implementierung. Die (staatlichen) Krankenhäuser kämpfen dafür, weiterhin ohne Einschränkungen am Markt auftreten zu können. Seit die Tageszeitung Haaretz das Thema lautstark problematisiert, dürfen Mitarbeiter der entsprechenden Abteilungen nach aussen keine Auskunft mehr geben. Das Thema birgt einiges an Sprengstoff, es geht um viel.

Kritiker monieren Überlastung des öffentlichen Gesundheitssystems durch Boom im Medizintourismus

Allein zwischen 2009 und 2011 sei der Umsatz dieser Sparte um 220% gewachsen – auf Kosten israelischer Kassenpatienten, schreibt Haaretz. Die Kritiker bemängeln die Überlastung des öffentlichen Gesundheitssystems. In der Tat hat Israel eine der höchsten Auslastungsziffern von Krankenhausbetten. Vollwertige Privatkliniken gibt es nicht, bei stationären Behandlungen liegen die Privatpatienten im selben Zimmer wie die israelischen Kassenpatienten. Die Befürworter der Praxis weisen darauf hin, dass die meisten Patienten aus dem Ausland nur ambulant behandelt würden. Und dass die Einnahmen in bessere Infrastruktur und mehr Personal investiert würden – was wiederum den Israelis zugute komme.

Auch die Kombination aus medizinischer Ethik und freiem Markt sorgt für Reibung. Geschichten machen die Runde von Familien, die für die Behandlung ihres kranken Kindes mit ihrem letzten Rubel in Israel ankommen – weil ein geldgieriger Agent ihnen falsche Versprechen abgegeben hat. Bedauernswerte Einzelfälle, sagen die Befürworter, und verweisen auf tausende Patienten, die in Israel erfolgreich behandelt wurden.

Manor Entrance
Eingang zum Manor Medical Center (Foto: Samuel Suter)

Derzeit sind die Krankenhäuser nur sich selbst Rechenschaft schuldig. Sie dürfen Privatpatienten aufnehmen – einzig, sie dürfen sie nicht bevorzugt behandeln. „Das ist unser Vorteil,“ sagt Danny Kutin, verantwortlich für die Partnerschaften von Manor Medical im Ausland, „wir vertreten kein Krankenhaus, sondern den Patienten.“ Freie Arztwahl sei bei Manor garantiert, Untersuche würden schnellstmöglich durchgeführt: Ist das MRI am einen Krankenhaus ausgebucht, wird die Untersuchung in einer anderen Klinik durchgeführt. In Israel sind die Wege kurz. Zwischen den grossen Gesundheitszentren liegen nicht mehr als zwei Stunden Autofahrt.

Keine Superreichen, sondern der letzte Ausweg für Schwerkranke aus medizinisch unterversorgten Ländern, aus Gaza und der Westbank

2011 sind gemäss offiziellen Zahlen 30’000 Patienten zur Behandlung nach Israel eingereist – Tendenz steigend. Der grösste Teil ausländischer Patienten kommt dabei allerdings aus Gaza und aus der Westbank. Es sind in der Regel nicht die schwerreichen Patienten, die nach Israel kommen, sondern Patienten aus der Mittelklasse. Auch Glaube und Religion spielen in diesem Markt keine Rolle. Es sind schwerkranke Patienten aus Russland oder Kasachstan beispielsweise, die keine andere Wahl haben, als sich im Ausland behandeln zu lassen. Patienten aus Nationen der ehemaligen Sowjetunion, wo fortschrittliche Medizin auch mit Geld nicht zu bekommen ist, weil Medikamente und Wissen fehlen.

„Die Nummer 1 in diesem Markt ist Deutschland,“ sagt Kutin. Aber Israels Vorteile sind einerseits die tieferen Preise, andererseits dass hier viel Russisch gesprochen wird, ein kultureller Bruch falle praktisch weg – und der Strand. Als Urlaubsland habe man für gewisse Behandlungen bessere Karten.

Eine Mehrzahl der Patienten, die nach Israel kommen, sind Krebspatienten. Komplexe orthopädische Operationen, arthroskopische Eingriffe und zahnärztliche Behandlungen werden ebenfalls oft durchgeführt. Für kosmetische Eingriffe liegen die Top-Destinationen in Fernost. Und Amerikaner bevorzugen sowieso Südamerika – noch! Israelische Anbieter sehen im anglo-amerikanischen Markt viel Potenzial.

Topmoderne Privatklinik von Assuta (Foto: Samuel Suter)
Topmoderne Privatklinik von Assuta (Foto: Samuel Suter)

Unmittelbar neben den Büros von Manor, mitten in den Neubauten in der Peripherie Tel Avivs, steht ein eben fertiggestelltes Privatkrankenhaus der Assuta Gruppe. Die Klinik hat 17 Operationssäle – aber praktisch keine festangestellten Ärzte. Agenturen wie Manor nützen die Infrastruktur und bringen Patienten und die behandelnden Spezialisten mit, die ihren Alltag meist zwischen öffentlichem Gesundheitssystem und Privatpatienten aufteilen. Als Dienstleister in diesem hochdynamischen Markt, der auch in Zukunft bestimmt viel zu Reden geben wird.

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