MAGAZIN – LEBEN IN ISRAEL

Verliert Israel den Kampf gegen Corona?

in Israel Zwischenzeilen/Medizin & Wissenschaft

Es ist ein trauriger Rekord: Erstmalig wurde bei fast 3.400 Menschen in den 24 Stunden zwischen Montag und Dienstag in Israel das Corona-Virus diagnostiziert, die Infektionsrate liegt bei 8,4 Prozent. 1.031 Menschen sind bisher an dem Virus und seinen Folgen verstoben. Auch die Zahl derjenigen, die an Beatmungsgeräte angeschlossen werden mussten, hat mit 139 Patienten ein neues Hoch erreicht.

Trotzdem gehen Pläne dafür, besonders betroffene Städte, Gemeinden und Stadtteile unter einen Lockdown zu stellen, nur schleppend voran. Aktuell sind es immer noch besonders jüdisch-orthodoxe und mittlerweile auch arabische Städte und Viertel in Israel, in denen die Infektionsrate extrem hoch sind und während sich die arabischen Gemeinden kooperationsbereit zeigen, drohen die orthodoxen Parteien mit ihrem Ausstieg aus der Regierungskoalition. Nun wird lediglich eine nächtliche Ausgangssperre diskutiert: Ansonsten soll das Leben in den Städten, die auf der roten Liste stehen, normal weitergehen. Sogar Busse sollen weiter fahren. All diese Entscheidungen sorgen im ganzen Land mehr und mehr für Unverständnis.

Die hohen Infektionszahlen unter den ultraorthodoxen Juden sind bereits seit Beginn der Epidemie ein Grund zur Sorge: Die Ignoranz vieler führender Rabbiner und Bürgermeister von ultraorthodoxen Städten, deren einziges Ziel es zu sein scheint, weiterhin Synagogen und Religionsschulen offen zu halten, trägt ihr übriges dazu bei. Die Tatsache, dass Israels Premierminister Benjamin Netanjahu der weiteren Verbreitung eines tödlichen Virus‘, das Israels Tourismus und Teile der Wirtschaft seit nunmehr einem halben Jahr völlig lahmgelegt hat, nichts entgegenzusetzen hat, weil er um seine ehemals treusten Koalitionspartner fürchtet, lässt im Land die Angst wachsen, den Kampf gegen Corona noch weiter zu verlieren.


Immer noch keine Touristen: In Marktstrassen wie hier in Jaffa sind die Händler und Verkäufer unter sich (Bild: KHC.

Redakteurin Katharina Höftmann Ciobotaru arbeitete im Auslandsbüro der dpa in Tel Aviv und für die WELT ONLINE. Sie lebt als freie Journalistin und Buchautorin in Tel Aviv («Guten Morgen Tel Aviv», «Die letzte Sünde»).

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