MAGAZIN – LEBEN IN ISRAEL

Massenvergewaltigung in Eilat: Etwas muss sich ändern

in Israel Zwischenzeilen/Leben, Kultur & Sport

Als im vergangenen Jahr 12 israelische Touristen im Alter von 15 bis 22 beschuldigt wurden, eine junge Britin auf Zypern kollektiv vergewaltigt zu haben, waren viele Israelis entsetzt. Und auch wenn die Britin ihre Aussage später zurücknahm (und dann noch später erklärte, diese Zurücknahme sei unter Druck der zypriotischen Polizei entstanden), was vor allem hängen blieb, war die Art, wie einige der Israelis am Flughafen von ihren Familien empfangen wurden: Mit Sektflaschen und Jubelgesängen nämlich. „Die Britin ist eine Schlampe“, echote es durch die Ankunftshalle, die mutmasslichen Täter trugen Kippas und brüllten „Am Israel Chai“ (zu Deutsch: „Es lebe das Volk Israel“). Selbst, wenn die Israelis wirklich unschuldig waren, würden Sie als Vater oder Mutter eines jungen Menschen, der gemeinsam mit elf anderen Männern mit einer Frau Sex hatte und diese Aktion dann auch noch filmte, Ihr Kind mit Jubelgesängen empfangen? Also ich, Mutter von zwei Söhnen, nicht.

30 Männer stehen in einer Schlange um zu vergewaltigen

Vor einer Woche wurde nun bekannt, dass sich in dem israelischen Urlaubsort Eilat etwas ähnliches zugetragen haben soll: Ein 16-Jähriges Mädchen, fast bis zur Bewusstlosigkeit betrunken, soll von mehreren Männern (die Angaben schwanken irgendwo zwischen 15 und 30) vergewaltigt worden sein. Wieder war das Entsetzen gross. Dieses Mal sogar riesig. Denn Berichte davon, wie die Männer ausserhalb des Hotelzimmers, in dem das junge Mädchen ein absolutes Martyrium erlebte, geduldig in der Schlange standen und niemand eingriff, machten schnell die Runde. Auch mehrere Bilder von Whatsapp-Chats, in denen andere israelische Männer scheinbar auf der Suche nach den Videoaufnahmen (auch dieses Mal hatten einige der mutmasslichen Vergewaltiger die Tat mit ihren Handys gefilmt), gingen in den sozialen Medien um. Kurz danach protestierten tausende Israelis gegen Gewalt gegen Frauen. Sie demonstrierten aber nicht nur für einen professionelleren Umgang der israelischen Polizei in solchen Fällen (in Bezug auf die technischen Möglichkeiten für Spurensicherungen, soll die „Start-up“-Nation alles andere als High-Tech sein), sondern auch für eine veränderte Kultur.

2018 wurden im Land 1.166 Fälle von Vergewaltigung und insgesamt 6.220 Fälle von sexueller Nötigung angezeigt und das bei einer Einwohnerzahl von knapp neun Millionen. Fälle von Gruppenvergewaltigungen wie in Eilat, sind dabei natürlich furchtbare Ausnahmen. Der Eilat-Fall wurde sofort im ganzen Land hart verurteilt, selbst Premierminister Netanyahu und Staatspräsident Rivlin meldeten sich sofort zu Wort. Rivlin schrieb in einem offenen Brief „an die Jugend“ des Landes: „Dies ist ein Fall von unverzeihlichem Verlust von Grenzen, der uns als Gesellschaft, als Menschheit, zerstört.“ Aber auch die Ausnahme muss und will man sich erklären: Viele Experten und Journalisten fragen sich nun, was zu diesem Verlust von Grenzen geführt hat und inwiefern die israelische Gesellschaft sich verändern muss.

Machismus als Teil des Problems

„Das Machismo-Konzept der Männer, eine enge stereotype Konzeption von Feminität und der Behandlung von Frauen als ‚Gebrauchsgegenstände‘ führen zur Gruppenvergewaltigung“, beschrieb der Kriminalpsychologe Hans Joachim Schneider die Gründe für Massenvergewaltigungen und besonders der Aspekt des „Machismo-Konzepts“ trifft einen wunden Punkt in Israel. Männlichkeit wird in Israel, besonders in eher traditionell-orientalischen Teilen der Gesellschaft, immer noch sehr altmodisch definiert. Weiblichkeit auch. Es gibt in sozialen Medien genügend Berichte von jungen Frauen, die über sexuelle Belästigungen berichten. Als ich selbst mit 26 Jahren nach Israel gezogen bin, traute ich mich im ersten Jahr nur selten alleine an den Strand, weil man dort als blonde, kaum Hebräisch sprechende Frau, im Minutentakt angebaggert wurde. Nicht immer liessen sich die Verehrer leicht abwimmeln. Denn zu dem Machismus im Land kommt eine gewisse Grundaggression und eine, und das muss man durchaus so nennen, absolute Ignoranz gegenüber Regeln und der Einhaltung von persönlichem Raum. Darüber hinaus ist politische Korrektheit für grosse Teile der Bevölkerung immer noch ein Fremdwort – und was damit einhergeht ist eine fehlende Sensibilität für „Minderheitsthemen“ oder, in diesem Fall relevant, für Frauenrechte und Feminismus. Während in den USA und in Deutschland die „Me-too-Bewegung“ riesige Wellen schlug, lief das in Israel für viele eher im Hintergrund.

Wir müssen über Erziehung sprechen

Und dann müssen wir natürlich über die Erziehung sprechen. Bei den meisten Israelis ist es immer noch normal, dass kleine Jungs „keine Heulsusen“ und kleine Mädchen vor allem „schöne Kinder“ sind sollen. Ein berühmtes Kinderlied heisst „das schönste Mädchen in der Kita“ (und wo wir schon bei solchen popkulturellen Phänomenen sind: einer der bekanntesten Strände in Tel Aviv heisst bis heute „Spanner-Strand“, benannt nach einem Kultfilm, bei dem eine der Schauspielerin für eine Filmszene vergewaltigt wurde und in der orientalisch geprägten Popmusik von Musikern wie Omer Adam und Eyal Golan, letzterer wurde mehrmals des Sex mit Minderjährigen verdächtigt – was seiner Popularität keinen Abbruch getan hat – sind Texte wie diese normal: „Und du warst schön wie eine Blume, die ich nicht pflücken durfte, aber ich wollte dich pflücken, ich wollte dich pflücken“). Man kann nur hoffen, dass das furchtbare Verbrechen von Eilat einige aufweckt und die Erziehung im ganzen Land überdacht wird. Denn egal, mit wie viel Selbstbewusstsein und Selbstachtung Mädchen aufwachsen, wenn den Jungen keine Alternative zur toxischen Männlichkeit beigebracht wird, wenn man ihnen nicht erklärt, was einvernehmlicher Sex wirklich bedeutet, dann ist das alles nichts wert.

Die Stadt Tel Aviv hat endlich veranlasst, dass die Wandmalerei von einem Spanner am sogenannten „Spanner-Strand“ übermalt wird: Die Aktion hatte aber auch viel Kritik, vor allem von Männern eingebracht, die die Entfernung von „Kulturgut“ beklagten.

עיריית תל-אביב-יפו מחקה את ציור הקיר בחוף שרתון (או בכינוי המוכר שלו "מציצים") המתאר נערים המציצים למלתחות הנשים. ראש…

Gepostet von ‎כאן תרבות‎ am Samstag, 22. August 2020

Redakteurin Katharina Höftmann arbeitete im Auslandsbüro der dpa in Tel Aviv und für die WELT ONLINE. Sie lebt als freie Journalistin und Buchautorin in Tel Aviv («Guten Morgen Tel Aviv», «Die letzte Sünde»).

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