MAGAZIN – LEBEN IN ISRAEL

Experten warnen vor Kollaps von Krankenhäusern

in Israel Zwischenzeilen/Medizin & Wissenschaft

Die Warnungen werden immer dringlicher: Das Experten-Panel für die Corona-Pandemie in Israel hat nun empfohlen, den Notstand auszurufen. „Wenn der Ausbruch [des Virus, Anm. d. Red.] nicht in der kommenden Woche gestoppt wird, ist das gesamte Gesundheitssystem in Gefahr“, so sei der Kollaps von Krankenhäusern unter der Last von ansteigenden Zahlen schwer kranker Patienten denkbar. Nach Angaben des Panels hätte das israelische Gesundheitsministerium immer noch kein funktionierendes System entwickelt, um die Pandemie zu managen sowie Daten zu sammeln und zu analysieren.

Auch der Vize-Gesundheitsminister Yoav Kisch warnte, dass die zweite Welle des COVID-19-Ausbruchs verheerender sei, als die erste, vor allem die Massenveranstaltungen müssten sofort gestoppt werden: „Wir haben einen zermürbenden Kampf vor uns, wir sind mitten in der zweiten Welle und sie ist schlimmer als die erste – wir müssen Restriktionen zurückbringen.“ Die Zahlen der Corona-Infizierten steigen enorm in Israel, vor allem, seitdem große private Events wie Hochzeiten und Bar Mizwas wieder erlaubt sind. Nach dem totalen Lockdown in März, April und teilweise Mai sowie der darauffolgenden schrittweisen Öffnung ringt die israelische Regierung mit dem Gesundheits- und Wirtschaftsministerium um die richtigen Maßnahmen zur Eindämmung – und wirkt dabei zunehmend paralysiert. Die Anzahl der täglichen Neuinfektionen ist nun zum Teil die höchste seit Beginn der Pandemie.
Auch die App, die israelische Bürger informieren soll, falls sie Kontakt mit einem Corona-Infizierten hatten, ist mittlerweile an ihre Grenzen gekommen: Es braucht einen ganzen Tag, um die Genehmigung für einen Corona-Test zu bekommen, noch einmal drei weitere Tage fürs Ergebnis und dann nochmal bis zu zwei weitere Tage, um die epidemiologische Untersuchung abzuschließen: Das bedeutet, es dauert fast eine Woche, bis jemand, der sich potentiell angesteckt hat, überhaupt davon erfährt. Bei bis zu 1000 neuen Infektionsfällen pro Tag ist das viel zu lang. Inzwischen wurde entschieden, nur noch zu testen, wo es absolut nötig und dringend ist, um die Teststationen etwas vom unglaublichen Andrang der letzten zwei Wochen zu entlasten. Das heißt u.a., dass a-symptomatische Menschen, die in Kontakt mit Corona-Infizierten gekommen sind, nun nicht mehr getestet werden.

Darüber hinaus hat die israelische Regierung entschieden, neue Restriktionen einzuführen. So wurden Festsäle, Bars und Clubs wieder komplett geschlossen. Auch Theater dürfen weiterhin nicht geöffnet werden und Schwimmhallen, Pools und Fitnesscenter sind nun auch wieder zu. In Bussen dürfen nur noch bis zu 20 Passagiere fahren und auch das nur mit geöffnetem Fenster. Versammlungen sind nur noch bis zu 20 Personen und nur mit Abstand und Masken erlaubt. Ferienlager für Kinder, die älter als vierte Klasse sind, werden komplett geschlossen. Absurd ist jedoch, dass Synagogen und Yeshivas (Religionsschulen) geöffnet bleiben dürfen – absurd vor allem, wenn man bedenkt, dass die ultraorthodoxe Gemeinde in Israel am meisten vom Corona-Virus betroffen ist. Die Entscheidung kam, nachdem die religiöse Partei United Torah gedroht hatte, die Koalition zu verlassen.

Ein orthodoxer Israeli beim Einkauf: Die orthodoxe Gemeinde ist besonders von Corona betroffen (Bild: KHC).

Weitere Informationen:

Experten fordern Ausruf des Notstands (eng), Haaretz

Redakteurin Katharina Höftmann arbeitete im Auslandsbüro der dpa in Tel Aviv und für die WELT ONLINE. Sie lebt als freie Journalistin und Buchautorin in Tel Aviv («Guten Morgen Tel Aviv», «Die letzte Sünde»).

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