MAGAZIN – LEBEN IN ISRAEL

Was die Corona-Krise für die israelische Wirtschaft bedeutet

in Israel Zwischenzeilen/Wirtschaft & Innovation

Ein Gastbeitrag von Simon Monk

Auch Israel wurde nicht von der Corona-Krise verschont, die die ganze Welt erfasst hat. Als kleines Land, mit einer Einwohnerzahl von neun Millionen Menschen, ist Israels Überleben auf internationalen Handel angewiesen, so dass die Konsequenzen der Krise in Israel schnell und deutlich spürbar sind.

Zuerst einmal die schlechten Nachrichten: Die Schliessung von Israel wichtigstem und im Prinzip einzigem Zugang, dem internationalem Flughafen Ben Gurion, für Touristen und Geschäftsreisende aus aller Welt, hat auch den gesamten Hotel- und Tourismussektor fast über Nacht zum Erliegen gebracht. Der Tourismus, ob Urlaub, geschäftlicher oder medizinischer Art, ist einer der Schlüsselsektoren in Israels Wirtschaft und ein wichtiger Arbeitgeber für eine grosse Anzahl von niedrig- und hochqualifizierten Arbeitnehmern. Die Entlassung tausender dieser Arbeitnehmer, in Kombination mit anderen Arbeitskräften aus anderen Branchen, die temporär (unbezahlt) oder dauerhaft ihren Job verloren haben, hat die Arbeitslosenrate von drei auf 25 Prozent in weniger als zwei Monaten erhöht. Das wird sich wiederum auf die Wirtschaft auswirken, es wird im besten Fall Monate, im schlechtesten, Jahre dauern, sich davon zu erholen.

El-Al Bankrott droht

Dazu kommt der möglicherweise anstehende Bankrott der nationalen Fluggesellschaft El Al, ein Unternehmen, das in einem Land, das man fast ausschliesslich auf dem Luftweg verlassen kann, zentral ist, die deshalb entweder verstaatlicht oder mit grosszügigen Staatshilfen bedacht werden muss.
Die Schliessung von Schulen, Einkaufszentren, kleinen Geschäften (abgesehen von Supermärkten, Apotheken, Drogerien und Bankdienstleistungen) hat diesen Schaden nur noch vergrössert. Es ist daher wenig überraschend, dass die Geringverdiener und Selbstständigen als erste und am meisten unter der Situation leiden, besonders da viele von ihnen sich sowieso gerade so von Monat zu Monat hangeln. Darüber hinaus wurde jedoch auch die Mittelklasse extrem hart getroffen, in einer bisher noch nie so gesehenen Art. Selbst diejenigen, die ihren Arbeitsplatz nicht verloren haben, konnten nicht Vollzeit arbeiten, weil die Kinderbetreuung wegfiel. Die Ankündigung und Versprechen der Regierung von Hilfen, günstigen Krediten und anderen Arten der Unterstützung schafften es in alle Medien und waren sicher guten Willens und im grossen und ganzen logisch, aber die Implementierung läuft zu langsam. Und das alles in einer Zeit, in der selbst nach drei Wahlgängen unsicher war, ob eine Regierungskoalition mit funktionierender Mehrheit gebildet werden konnte.

Wirtschaftliche Position Israels ist stark

Nun die guten Nachrichten: Die Krise hat Israel zu einer Zeit erfasst, in der man seine wirtschaftliche Stellung sicher als die stärkste seit der Staatsgründung 1948 bezeichnen kann. Die Staatsschuldenquote (Staatsverschuldung im Verhältnis zum BIP) liegt um niedrige 60 Prozent, die Arbeitslosenrate bei drei Prozent (vor der Krise), die Inflation ist niedrig, die Devisenreserven sind beträchtlich, Rekordzahlen im Tourismus, mit fast 4,5 Millionen Besuchern 2019 und ein weltweit führender High-Tech- und Bio-Tech-Sektor tragen ausserdem zu einer guten Ausgangsposition bei. Das ermöglichte der Übergangsregierung selbst während der Krise neue Anleihen in Höhe von fünf Milliarden US-Dollar aufzunehmen, um das angekündigte Hilfspaket in Höhe von 80 Milliarden Schekel zu bezahlen. Diese Staatsanleihen sind fünffach überzeichnet worden und schliessen auch Israels erste Anleihen mit einer Dauer von 100 Jahren ein – ein unglaubliches Vertrauen des internationalen Geldmarkts in das Land.

Der High-Tech-Sektor des Landes, die zweite wichtige wirtschaftliche Antriebskraft im Land, funktioniert weiterhin überwiegend gut. Eine grosse Anzahl von Mitarbeitern arbeitet von zu Hause und der Name der App “Zoom” ist allen sehr vertraut geworden. Online-Geschäfte, – Verkäufe und Lieferungen sind angestiegen und Israel ist schnell in seinen durch Kriege sehr erprobten Krisenmodus gewechselt. Verschiedene Forschungsgruppen arbeiten an Impfungen oder Behandlungen für COVID-19 und die internationale Zusammenarbeit ist gestiegen.

Vorbildliche Reaktion auf COVID-19

Was bringt also die Zukunft? Israels früher und strenger Lock-down (der Ausgangssperren, Regeln zur sozialen Distanz, Maskenpflicht und die Absage von allen Sport- und grösseren Veranstaltungen beinhaltete), seine weltweit führende medizinische Versorgung und das hohe Freiwilligenengagement in allen Bereichen haben die Rate an Corona-Todesfällen auf einem internationalen Tiefstand gehalten – wobei natürlich jeder Tod für die Familie individuell eine Tragödie ist. Nicht ein Mitarbeiter aus dem medizinischen Bereich ist Opfer des Virus geworden und die Krankenhäuser, inklusive der so genannten Corona-Hotels für mildere Fälle, haben hervorragend funktioniert. Vorbildlich war auch die sofortige Umwandlung von Israels militärischen Forschungseinrichtungen und anderer Ressourcen für zivile Zwecke. Eines der praktischsten und effizientesten Beispiele, die ich beobachten konnte, war, wie die Einheit für Armeetaucher Sauerstoffgeräte für die zivile Nutzung umgewandelt hat, so dass ältere Menschen Behandlungen zu Hause statt im Krankenhaus erhalten konnten. Ein sehr guter Bekannter von mir, der beim Militär als Experte für Optik tätig ist, berichtete mir, dass er und sein Team an einem Diagnose-Scanner arbeiten, um zügiger Daten zu sammeln (durch Einscannen), mit deren Hilfe der Diagnose- und Behandlungsprozess beschleunigt werden kann. Selbst der Inlandsnachrichtendienst hat seine Technologie, mit deren Hilfe Individuen gefolgt werden kann, insofern umgewandelt, dass Menschen, die an COVID-19 erkrankten, getrackt werden und eventuelle Kontaktpersonen informiert werden konnten, um sich in Selbst-Quarantäne zu begeben (all das durch den Download einer einfachen App, wenn auch die Handhabung einige Proteste zur Folge hatte – sowohl von Datenschützern als auch von Bürgern, die dadurch die Demokratie in Gefahr sahen).

Ein Supermarkt-Kunde in Israel (Bild: KHC).

Dank all dieser Faktoren gibt es nun erste Anzeichen für eine teilweise Wiederöffnung der Wirtschaft in den kommenden Wochen. Vor allem durch die Wiedereröffnung von Schulen und Kindergärten wird eine Rückkehr zur Normalität möglich. Es scheint, dass die Politiker die Notwendigkeit für eine stabile Regierung erkannt haben und eine vorerst funktionierende Regierungskoalition gebildet werden kann. International gesehen, wird es sicher ein langer, schwieriger Weg zurück zur Normalität. Israel jedoch hat in den 72 Jahren seiner Existenz bereits viele Schwierigkeiten (sowohl militärische als auch wirtschaftliche) erfolgreich gemeistert. Die relativ junge Bevölkerung (im OECD-Vergleich) ist energiegeladen und patriotisch und bereit, die Opfer zu bringen, die es brauchen wird, um zu überleben und das Land zum Blühen zu bringen. Da bin ich sehr optimistisch.

Simon Monk ist Business Development Manager im israelischen Büro der auf Private Banking spezialisierten und 1889 gegründeten Schweizer Privatbank Hyposwiss.

Redakteurin Katharina Höftmann arbeitete im Auslandsbüro der dpa in Tel Aviv und für die WELT ONLINE. Sie lebt als freie Journalistin und Buchautorin in Tel Aviv («Guten Morgen Tel Aviv», «Die letzte Sünde»).

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