MAGAZIN – LEBEN IN ISRAEL

Kolumne: Ein Buch namens Unendlichkeit

in Israel Zwischenzeilen/Kolumne/Medizin & Wissenschaft

Langsam wird mein neues Buch fertig. Ich habe noch nie so lange an einem Buch gearbeitet, wenn ich die letzte Seite geschrieben habe, werden es insgesamt fast zwei Jahre gewesen sein. Als ich das Buch begann, wollte ich noch eine völlig andere Geschichte erzählen – erst nach 150 fertigen Seiten hörte ich endlich auf meine innere Stimme, die irgendwie nicht so recht mit dem zufrieden sein wollte, was ich da tat und ich fing quasi wieder von vorne an. Während meine Lektorin wahrscheinlich kurz vor einem Herzinfarkt stand, wusste ich, endlich schreibe ich das Buch, das ich eigentlich schreiben will. Muss. Es ist mein erster “richtiger“ Roman. Kein Genre. Und kein Sachbuch. Für mich ist das ein völlig neues Schreiben. Alles dauert länger, alles ist viel persönlicher.

Menschen interessieren sich für Schriftsteller, sie fragen, wie man arbeitet. Wie man so ein Buch anfängt und wie man es schreibt und wie man es beendet. Oft sind die Leute überrascht, wenn ich erzähle, dass ich das Ende jedes Mal geradezu fürchte. Sie denken, dass man froh ist, wenn man das Buch endlich fertig geschrieben hat und ein bisschen ist man das ja auch. Aber vor allem ist es ein Abschied. Das Schreiben ist ein so einsamer Prozess, über Wochen und Monate verbringt man die intensivste Zeit mit den Figuren im eigenen Buch. Wenn man dann so lange mit diesen erdachten Menschen, ihren Geschichten, ihrem Leben verbracht hat, fühlt es sich nach der letzten Seite an, als würde man seine Familie, seine besten Freunde und irgendwie auch sich selbst verlieren. Glücklicherweise trifft man sich wieder, wenn das Buch herauskommt und man hoffentlich zu vielen Lesungen und vielen Gesprächen über das Buch und seine Figuren eingeladen wird.

Wie soll das Kind heissen?

Zwischen dem Anfang, dem Ende und dem Herauskommen eines Buches vergeht oft viel Zeit. Ich werde das neue Buch hoffentlich Anfang des neuen Jahres fertig stellen, herauskommen wird es aber erst im Frühjahr 2021. Vielleicht ist es deswegen wichtig, dass man eine Geschichte erzählt, die Bestand haben wird. Und natürlich braucht man einen Titel, der unvergänglich ist. Die Buchtitel fallen mir immer am schwersten, muss ich zugeben. Mein neues Buch hatte wohl schon drei, vier verschiedene Arbeitstitel. Nichts wollte so recht hängen bleiben, nichts fühlte sich perfekt an. Bis ich mich irgendwann für drei Tage gedanklich einschloss, um endlich einen finalen Titel zu finden. Über Tage spürte ich, wie die Idee näher kam und irgendwann, ich glaube es war ein Freitag, wahrscheinlich kurz vor Schabbes, war er plötzlich da, der Titel: „Alef“. Der erste Buchstabe des hebräischen Alphabets, der erste Buchstabe, den ich in Israel gelernt habe. Ein lautloser Konsonant, je nachdem, welchen Vokal man darunter oder darüber setzt, wird Alef A, E, I, O oder U ausgesprochen. Vor allem aber ein Buchstabe, mit starker Symbolik: in der Mengenlehre, einem Teilgebiet der Mathematik, indiziert „Alef“ die Stärke einer unendlichen Menge. In der Kabbalah symbolisiert es die Einheit Gottes. Alef ist auch der erste Buchstabe für viele Namen Gottes im Hebräischen.

Ich wusste vom ersten Moment an, als mir Alef einfiel, dass das der perfekte Titel ist, denn er passt perfekt zur Geschichte des Buches und zu mir persönlich (das Wort Alef bedeutet ursprünglich Stier – mein Sternzeichen). Vor ein paar Tagen dann las ich die Neuigkeit, dass Israel seinen ersten Planeten benennen durfte – und jetzt raten Sie mal, wie der Planet, 1.500 Lichtjahre entfernt von der Erde, im unendlichen Universum heissen wird? Ich sage ja, der perfekte Titel. Wenn ich jetzt nur noch mein Buch unendlich lang weiter schreiben könnte, damit ich mich nie, aber auch wirklich nie, von all meinen Figuren verabschieden muss…

Der Planet HAT-P-9b bzw. formell: „Alef“ (Bild: Aldaron, a.k.a. Aldaron/Wikimedia).

Redakteurin Katharina Höftmann arbeitete im Auslandsbüro der dpa in Tel Aviv und für die WELT ONLINE. Sie lebt als freie Journalistin und Buchautorin in Tel Aviv («Guten Morgen Tel Aviv», «Die letzte Sünde»).

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