MAGAZIN – LEBEN IN ISRAEL

Kommentar: Von Trauer zu Liebe

in Israel Zwischenzeilen/Leben, Kultur & Sport

Von Zo Flamenbaum

Aus dem Englischen von Katharina Höftmann Ciobotaru

Es ist Sommer, die Sonne scheint grell, aber der Jüdische Kalender steht auf Dunkelheit und Zerstörung. Drei Wochen, die zum traurigsten Tag des Jahres führen, eine Zeit des Trauerns, die in den Fastentag Tisha B’Av mündet und sich dann in das emotionale Gegenteil, Tu B’Av erstreckt. Tu B’Av wird heutzutage ähnlich wie der Valentinstag zelebriert, ist historisch aber der Tag, der den Anfang der Ernte markiert und der tanzend in den Feldern gefeiert wurde. Der Kreis des jüdischen Monats Av dreht sich demnach um beides: Schmerz und Freude. Warum?

Tisha B’Av heisst soviel wie neunter Tag des Monats und ist als schwerster Tag des Jahres bekannt. Eine ganze Reihe von Tragödien hat sich an eben diesem Datum abgespielt, von der Zerstörung des ersten Tempels in Jerusalem, 586 vor unserer Zeit bis zur Zerstörung des zweiten Tempels 70 n. Chr. Es ist der Tag, an dem Juden ins Exil gezwungen wurden und Kriege begannen. Für diejenigen, die an diesem Tag fasten und auf dem Boden sitzend die Klagelieder Jeremias lesen, ist das ein Ausdruck tiefster Trauer. So tief, dass man sich vielleicht deshalb drei Wochen darauf vorbereiten muss. Es reicht nicht, nur traurig zu sein an Tisha B’Av. Man muss extrem traurig sein und dieses Gefühl verinnerlichen. Warum diese Trauer und Dunkelheit in einem der sonnigsten Monate des Jahres? Und was hat dieser Tag der Zerstörung mit unserem aktuellen Leben zu tun?

Ja, es ist Sommer. Und die Sommerhitze kann intensiv sein. Heisse Temperaturen bringen das Blut zum wallen, feuern unsere Emotionen an. Böse Worte und Gemeinheiten rutschen da schon mal schneller heraus, entzünden Feuer, zerstören Bindungen, hinterlassen nichts als Scherben.

Der Sage nach ist Tisha B’Av die Strafe für das schlechte Benehmen des jüdischen Volkes, gegenüber sich selbst, miteinander und im Verhältnis zu G-tt. Man glaubt, dass die Strafe den Juden auferlegt wurde, weil sie den Glauben verloren hatten, die Kontrolle über ihre Worte und Taten, weil sie sich von ihren Emotionen übermannen liessen und alles zerstörten, was sie bis dahin aufgebaut hatten. Av ist eine Einladung, diese Achterbahn der Gefühle nachzuempfinden, mit Vorsätzen, Ritualen und innerhalb der Gemeinde. Um nicht die Kontrolle über die Gefühle zu verlieren, ist es wichtig, Platz dafür zu schaffen, sie zu fühlen. Mit mehr Bewusstsein gewinnen wir die Kontrolle über unser Worte und unser Handeln, was letztendlich zu Trennungen oder intensiveren Beziehungen, zu Angst oder Vertrauen führt. Tisha B’Av lädt uns ein, den Schmerz ganz intensiv zu spüren, um das Vergangene zu trauern, um dann weiterzumachen, offen für Freude und Liebe.

Wir kämpfen auch heute dagegen, dass die dunklen Mächte die Welt übernehmen und es ist leicht, den Glauben zu verlieren und uns von Emotionen übermannen zu lassen, uns gegenseitig zu beschneiden. Aber: Wenn wir wollen, dass sich unsere Geschichte ändert, können wir nicht in der gleichen zerstörerischen Art sprechen und agieren. Wir müssen unser Verhalten ändern, unsere Worte, unsere Herzen. Wenn wir nur eine Sache aus der Vergangenheit lernen können, dann doch, das. Jedes Wort, jede Tat treibt uns eher auseinander oder bringt uns näher zusammen.
Wir dürfen jetzt nicht den Glauben aneinander verlieren, wir müssen unser Vertrauen bestärken, mit Worten, mit Güte und Zärtlichkeit, mit Liebe und Empathie. Denn genauso wie Tisha B’Av dafür da ist, dass wir unserer kollektiven Tragödien gedenken, ist Tu B’Av eine perfekt zeitlich abgestimmte Erinnerung, dass wir trotz allem immer zur Liebe und zum Lieben zurückkehren sollten.

Die Zerstörung Jerusalems und des jüdischen Tempels unter den Römern, Malerei von David Roberts (Bild: Wikimedia Commons).

Redakteurin Katharina Höftmann Ciobotaru arbeitete im Auslandsbüro der dpa in Tel Aviv und für die WELT ONLINE. Sie lebt als freie Journalistin und Buchautorin in Tel Aviv («Guten Morgen Tel Aviv», «Die letzte Sünde»).

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