Eigentlich sollten der strenge Lockdown und der verhängte Ausnahmezustand die Demonstrationen gegen Premierminister Benjamin Netanyahu, genannt Bibi, verhindern – doch das Gegenteil scheint eingetreten zu sein. Weil die Demonstration nicht mehr zentral auf dem Platz gegenüber der Residenz des Ministerpräsidenten demonstrieren dürfen, tun sie es nun überall im Land: Immer im Rahmen des Ein-Kilometer-Radius, in dem man sich von seinem Zuhause entfernen darf. Etwa hunderttausend Israelis protestierten so am Samstagabend im ganzen Land für Bibis Rücktritt und gegen die Lockdown-Massnahmen. In Tel Aviv kam es zu 39 teils gewalttätigen Festnahmen, dabei wurde auch der Tel Aviver Bürgermeister Ron Huldai verletzt. An einigen Stellen im Land griffen auch Gegner der Demonstranten diese an, zum Teil wurden sie mit Flaschen beworfen. In der vergangenen Woche war sogar ein Auto in eine Gruppe Demonstrierender hineingefahren, zum Glück wurde dabei niemand verletzt.
Währenddessen wächst die Kritik an den ultraorthodoxen Gemeinden im Land, die nicht nur mittlerweile etwa 40 Prozent der mit Corona-Infizierten Patienten ausmachen (die Infektionsrate ist 2,5 Mal höher als bei Nicht-Orthodoxen im Land), sondern sich auch immer noch nicht an die Vorgaben zu halten scheinen. In den religiösen Städten und Vierteln waren viele Synagogen und Sukka-Hütten entgegen der Regeln voll besetzt. Am ersten Sukkot-Feiertag griff die Polizei zumindest in der mehrheitlich ultraorthodoxen Stadt Bnei Brak erstmalig hart durch. Daraufhin lieferten sich die Bewohner gewalttätige Auseinandersetzungen mit den Polizisten. 13 Menschen wurden festgenommen. In Videoaufnahmen ist zu hören, wie die Polizisten als „Nazis“ beschimpft werden. Besonders ein Polizist, der ein ultraorthodoxes Kind gewaltsam aus dem Weg schubste, und ein weiterer, der einen Jugendlichen mit einem Eimer bewarf, wurden hart für die Unverhältnismässigkeit ihres Einsatzes kritisiert.
כצפוי. השוטרים הגיבו באלימות רבה וגררו הפגנה המונית בבני ברק.
שימו לב לברכיה שקיבל אדם משוטר pic.twitter.com/o14D4RGiBt— איתי גדסי (@itayg1) October 4, 2020
Inzwischen sind die Infektionszahlen zwar leicht gesunken, aber das Ergebnis der vielen Zusammenkünfte, die illegalerweise über die Feiertage stattgefunden haben, bleibt noch abzuwarten. So oder so: Das Land Israel ist gespalten wie selten zuvor: Zwischen Ultraorthodoxen und nicht-orthodoxen, zwischen Unterstützern und Gegnern von Bibi.