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Beduinen umgehen das Verbot von Polygamie

in Israel Zwischenzeilen/Leben, Kultur & Sport

Es war ein Meilenstein, als das israelische Justizministerium vor zweieinhalb Jahren nach Jahrzehnten Tatenlosigkeit endlich begann, Fälle von illegaler Polygamie im Land zu verfolgen und zu bestrafen. Doch seitdem sind die Anklagen gegen Polygamie, die vor allem von Beduinen der Negevwüste praktiziert wird, deutlich zurückgegangen. Mitarbeiter der entsprechenden Behörden vermuten nun, dass die Beduinen Wege gefunden haben, die offiziellen Stellen zu umgehen, indem die Ehen nicht mehr vor dem Sharia-Gericht geschlossen werden. Das Sharia-Gericht darf zwar Zweitehen schliessen (da der Staat nicht in diesen religiösen Fragen interveniert), aber muss diese dann der Polizei melden.

Männer auf einer beduinischen Hochzeit 1904.
(Bild: Missouri History Museum/Jessie Tarbox Beals).

In dem ersten Treffen des Justizministeriums dazu seit langem zeigte sich ein trübes Bild: Die meisten der Vorhaben, um das Polygamie-Verbot durchzusetzen, wurden nicht vorangebracht. So sollte die Polizei ein spezielles Untersuchungsteam auf den Weg bringen und das Bildungsministerium sollte das Thema in seinen Lehrplan aufnehmen – doch aufgrund von Budgetschwierigkeiten und der langen Zeit, in der Israel lediglich über eine Übergangsregierung verfügte, kam es nicht dazu. Und während 2017 noch 406 Fälle von illegaler Polygamie zur Anklage gebracht wurden, waren es 2020 bisher nur 47. Die Behörden haben aber keinen Zweifel daran, dass Polygamie weiterhin praktiziert wird, denn gleichzeitig stiegen die Zahlen von neugeborenen beduinischen Kindern mit einer angeblich ledigen oder geschiedenen Mutter, eine sehr unwahrscheinliche Möglichkeit in der traditionellen Welt der Beduinen.

Trailer „Sand Storm“, ein Film über Beduinen in Israel

Weitere Informationen:

Beduinen praktizieren weiterhin Polygamie (eng), Haaretz

Redakteurin Katharina Höftmann Ciobotaru arbeitete im Auslandsbüro der dpa in Tel Aviv und für die WELT ONLINE. Sie lebt als freie Journalistin und Buchautorin in Tel Aviv («Guten Morgen Tel Aviv», «Die letzte Sünde»).

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