MAGAZIN – LEBEN IN ISRAEL

Kommentar zum Holocaust-Gedenktag: Wir brauchen Sirenen

in Deutschland in Israel/Israel Zwischenzeilen/Kolumne

Ich habe fast 22 Jahre lang gelebt, ohne jemals einen Holocaust-Gedenktag zu begehen. Es ist nicht so, dass es in Deutschland keinen Holocaust-Gedenktag gibt, er findet sogar genau heute statt, so wie jedes Jahr am 27. Januar, dem Tag, an dem Auschwitz vor nunmehr 75 Jahren befreit wurde. Aber der deutsche Holocaust-Gedenktag hat nichts mit dem normalen Leben, den Bürgern, zu tun. Er läuft an ihnen vorbei in Zeremonien, die ausschliesslich von hochrangigen Politikern und Würdenträgern besucht werden. Er kommt höchstens als Nachrichtenmeldung kurz in deutsche Wohnzimmer geflattert und bei dem Wort „Holocaust“ kann man sich sicher sein, dass der Durchschnittsdeutsche auf seinem Sofa die Nase tief ins Bierglas steckt und „nicht schon wieder“ denkt. Zwischen „nie wieder“ und „nicht schon wieder“ liegt nämlich meist sehr wenig in meinem Geburtsland.

Ich war mir also fast 22 Jahre lang nicht so richtig bewusst, dass es so etwas wie einen Holocaust-Gedenktag in Deutschland überhaupt gibt. Kurz vor meinem 22. Geburtstag, am 25. April 2006, erlebte ich dann das erste Mal den Jom HaShoa in Israel. In Israel kann man den Jom HaShoa nicht ignorieren. Da heult nämlich zwei Minuten lang eine Sirene durch das ganze Land und alles kommt zum Stillstand. Selbst auf der Autobahn stoppen die Wagen und Menschen stellen sich daneben und gedenken der sechs Millionen Opfer des Genozids. Zwei Minuten können sehr lang sein, wenn man am Strassenrand steht und eine Sirene über den eigenen Kopf hinweg kreischt. Zwei lange Minuten in denen man eigentlich keine Wahl hat, als an die Shoa zu denken. Nun habe ich auch in den zehn Jahren, die meinem ersten Jom HaShoa in Israel vorangingen, ab und an an den Holocaust und seine Opfer gedacht (ich hatte mit etwa 12 eine Phase, in der ich Bücher zu dem Thema, vor allem Biografien, geradezu verschlungen habe), ich habe auch „Schindlers Liste“ und „Das Leben ist schön“ gesehen und mir dazu stundenlang die Augen aus dem Kopf geweint. Aber niemals zuvor war ich gezwungen, einfach stehen zu bleiben und zu gedenken. Niemals habe ich das inmitten von einer ganzen Menge Menschen getan, die ebenfalls einfach stehen bleiben und gedenken.

Ich weiss nicht, ob es diese völlig tatenlosen zwei Minuten oder das kollektive Erlebnis sind, was den Jom HaShoa so eindringlich macht, aber ich weiss, dass ich vom ersten Erleben an dachte: Warum gibt es so etwas nicht in Deutschland? Gerade in Deutschland! Diesem Gedanken folgten die Fragen, ob in Deutschland auch alle Menschen stehenbleiben würden? Ob auf der A5 alle Autos anhalten und die Menschen aussteigen würden? Zwei Minuten lang für die Opfer der Shoa zu schweigen, heisst nämlich auch, sich zwei Minuten lang der Schuld bewusst zu sein – zumindest geht es mir so. Zwei Minuten lang hechtet mein Hirn zwischen „Oh Gott, all die armen Menschen“ und „Oh Gott, wie konnten wir nur“ hin und her. Es sind zwei anstrengende Minuten und ich möchte sie nie mehr missen.

Es ist eine Ironie des Schicksals, dass ich als Deutsche erst in Israel so richtig angefangen habe, das ganze Ausmass des Holocausts zu begreifen. Und es ist etwas, was ich an Deutschland mit seinem ganzen Gedenk-Spektakel kritisiere. Kein Holocaust-Mahnmal auf der Welt kann das schaffen, was einem Jom HaShoa in Israel gelingt: Zwei Schweigeminuten, in denen man nur sich selbst und die Sirene hört. In denen man jedes Jahr aufs Neue das Grauen ins Bewusstsein lässt. In denen man sich damit auseinandersetzen muss und es nicht unter Ausreden wie „Was habe ich damit zu tun“ einfach wegwischt. In diesen zwei Minuten wird der Holocaust eine persönliche Angelegenheit. Das ist dann nicht die immer gleich klingende „Nie wieder“-Rede eines Politikers, sondern die Frage: „Was habe ich eigentlich damit zu tun?“ oder das schlichte Gedenken an die sechs Millionen Opfer. Es ist eine Sirene, die wir in Deutschland vielleicht dringend bräuchten, um uns wachzurütteln. Bald wird es keine direkten Überlebenden mehr geben, schon jetzt sind die meisten zu alt, um noch zu erzählen. Wenn wir gerade in Deutschland keine funktionierende Erinnerungskultur haben, mit der sich auch die deutschen Bürger identifizieren, wird aus „nie wieder“ wohlmöglich noch „sag niemals nie“.

Holocaust-Gedenktag in Israel

Redakteurin Katharina Höftmann Ciobotaru arbeitete im Auslandsbüro der dpa in Tel Aviv und für die WELT ONLINE. Sie lebt als freie Journalistin und Buchautorin in Tel Aviv («Guten Morgen Tel Aviv», «Die letzte Sünde»).

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