MAGAZIN – LEBEN IN ISRAEL

Kolumne: Eine Geschichte vom Aufgeben und Weitermachen

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Früher fiel es mir sehr schwer, aufzugeben. Dinge abzubrechen, weil sie zu schwer, zu langweilig oder zu frustrierend waren, wäre mir nicht in den Sinn gekommen. Das Leiden gehörte irgendwie dazu. Man muss sich halt auch manchmal anstrengen und durchziehen, so bin ich erzogen worden. Gekoppelt mit meinem ausgeprägtem Ehrgeiz führte das beispielsweise dazu, dass ich als Kind zwei Jahre geritten bin, bevor ich endlich zugeben konnte (ein Sturz vom Pferd half), dass ich eigentlich panische Angst vor Pferden habe.
Vor ein paar Wochen sass ich das erste Mal seit 15 Jahren auf einem Pferd. Es war ein mongolisches Pferd und der Traum, durch die atemberaubende mongolische Landschaft zu reiten, war stärker als meine Angst. Mongolische Pferde sind nicht besonders gross. Mein Vater und mein Bruder, meine Reisebegleiter, die sich ebenfalls auf ein Pferd begeben hatten, sahen wahnwitzig aus auf den doch recht kleinen Tieren. Der mongolische Pferdeführer sass dermassen entspannt auf seinem Gaul, dass ich mir mit meiner Angst geradezu lächerlich vorkam. Die meisten Mongolen reiten von Klein auf, wenn sie von meiner panischen Pferdeangst hörten, zuckten sie nur mit den Schultern und sagten immer wieder: „Aber es ist doch nur ein Pferd.“ Nur ein Pferd. Pah. Ich schlief die Nacht vor dem Ritt schlecht. Rannte am Tag des Ausritts tausend Mal zum Klo. Und so sehr ich es mir auch anders wünschte, in dem Moment, als das Pferd mit mir auf dem Rücken loslief, rutschte mir das Herz in die Hose und ich hätte mich am liebsten sofort aus dem Sattel in Richtung festen Erdboden gerollt. Mein Bruder rief mir von der Seite zu: „Jetzt reiss dich zusammen und zieh das durch.“ Und das tat ich auch. Wäre ich mit einem Israeli gereist, wäre die Geschichte anders ausgegangen. Mein Mann zum Beispiel hätte mich gefragt: „Willst du lieber runter?“ Ich hätte „ja“ gesagt und das wäre das Ende des Ausritts gewesen. So aber quälte ich mich durch die halbe Stunde Reitausflug mit Schnappatmung und Anflügen von Panik, jedes Mal, wenn das Pferd seinen Kopf senkte, um Gras zu futtern.

Das Lächeln gequält, bei Reiter und Pferd (Bild: privat).

Erst in Israel habe ich gelernt, aufzugeben. Wenn man Israelis erzählt, dass einem etwas schwer fällt, aber nun eben durchgezogen werden müsse, antworten sie gerne: „Versteh‘ ich nicht. Wenn es dir kein Spass macht, solltest du es nicht tun.“ Wahrscheinlich stehen Israelis auch deshalb nie ordentlich in Schlangen an und wechseln im Strassenverkehr die Spur, wann immer sie wollen. Wahrscheinlich sind israelische Kinder deswegen die lebendigsten, ungezwungensten Kinder, die ich kenne. Noch nie habe ich eine israelische Mutter sagen hören: „Du hast das angefangen, jetzt musst du es auch zu Ende bringen.“ Und während ich anfangs noch dachte: Aber Moment Mal, man kann nicht immer nur machen, was Spass macht, man muss auch mal durchhalten, Sachen zu Ende bringen…jaja blabla, so weit so deutsch. Aber mal ganz ehrlich: Warum eigentlich sollte man in diesem einen Leben seine Zeit mit etwas verschwenden, was einem keinen Spass macht? Und das, wo jeder Tag der letzte sein könnte.

Zurück in der Mongolei bestiegen wir derweil einen Berg. So steil wie eine Felswand. Ich fluchte und verdammte die Namen aller Menschen, die mich auf diesen Berg getrieben hatten. Mein Vater sagte: „Aber wenn du dann oben bist und es geschafft hast, ist es ein fantastisches Gefühl!“ Oben auf dem Berg war es eiskalt und windig, ich klapperte mit den Zähnen und dachte an die Worte vom israelischen Chefkoch Uri Buri (bei dem waren Sie noch nie? Nehmen Sie jetzt sofort einen Zug nach Akko und essen Sie dort!), den ich vor einer Weile für ein fantastisches Coffee Table Buch interviewt habe: „Wenn mir etwas nicht gefällt, geh ich weiter. Es gibt kein Ziel, es zählt nur der Weg. Der Weg ist der Weg.“ Ja, so einfach kann es sein, wenn man das Ganze mal aus israelischer Perspektive betrachtet. Eine grosse Ausnahme für das hedonistische Gemüt gibt es jedoch auch hier: Jom Kippur. Der höchste jüdische Feiertag besteht daraus, 25 Stunden lang nicht zu essen, nicht zu trinken, nicht zu baden, kein Fernseh zu gucken etc. pp. Nicht gerade die Definition von Spass. Mein Mann, sonst der erste, der mich ermutigt, Sachen aufzugeben, die mir keine Freude bringen, nimmt Jom Kippur so ernst, dass er mir anfangs noch nicht einmal erlaubte, mit dem Fahrrad zu fahren. Dabei fahren an Jom Kippur gar keine Autos, weswegen Fahrradfahren das tollste an diesem Tag ist. Ja, es ist der einzige Tag im Jahr, an dem Israelis nicht nur das tun, was sie wollen.

Doch seien wir ehrlich, Israel hat sich mit mir längst ein Monster herangezüchtet: Natürlich fahre ich an Jom Kippur Fahrrad mit unseren Söhnen. Und seit Wochen schon freue ich mich darauf, am Morgen von Jom Kippur auf der Stadtautobahn skaten zu gehen. Und wenn meine Kinder dann fragen, warum Erwachsene an diesem Tag 25 Stunden lang fasten, sage ich ihnen, dass man manchmal eben auch Dinge durchziehen muss.

Fahrradfahren an Jom Kippur: Für Kinder ein Traum (Bild: Privat)

Redakteurin Katharina Höftmann arbeitete im Auslandsbüro der dpa in Tel Aviv und für die WELT ONLINE. Sie lebt als freie Journalistin und Buchautorin in Tel Aviv («Guten Morgen Tel Aviv», «Die letzte Sünde»).

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