MAGAZIN – LEBEN IN ISRAEL

Kolumne: Flaschenpost aus Israel

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Neulich stand ich vor dem Innenministerium in Tel Aviv. Mit meinem neuen, israelischen Personalausweis in der Tasche beobachtete ich einen der Sicherheitsmänner: Einen attraktiven, jungen Hipster. Vollbart, runde, coole Brille, schwarzes Maschinengewehr. Ich drehte mich zu meinem Mann und sagte: „Nun schau dir doch mal diesen Typen an. In Berlin sitzt der vor’m St. Oberholz und hackt in sein Macbook, hier baumelt ihm die grösste Knarre aller Zeiten um den Körper. Wie willst du dieses Land irgendeinem Deutschen erklären?“ Und tatsächlich ist das ein Umstand, der mich quält: Wie erklärt man den Deutschen Israel? Ein Land, in dem Homosexuelle problemlos Kinder kriegen dürfen, in dem aber nicht jeder Bürger heiraten darf. Ein Land, das einige der revolutionärsten Technologien unserer Zeit auf den Weg gebracht hat, in dem aber am Samstag keine Züge fahren. Ein Land, in dem man durch die Wüste wandern, Ski fahren und Party am Strand machen kann, aber in dessen Wohnungen es im Winter durchregnet. Ein Land, in dem Menschen wie Hipster, Künstler oder Ökos aussehen, aber trotzdem Maschinengewehre bedienen können.

Israel wird gerne als Paradoxon bezeichnet, man kann es aus deutscher Perspektive nur unter- oder überschätzen. Weil ich als Schriftstellerin und Journalistin viel über Israel für Deutsche schreibe, fragen mich beide Seiten oft übereinander aus. Dabei stelle ich fest, dass Israelis den Deutschen gegenüber oft viel positiver eingestellt sind als umgekehrt. In Anbetracht der Tatsache, dass die Shoa gerade einmal 74 Jahre zurückliegt, halte ich das für das eigentliche Paradoxon. In den letzten Jahren habe ich das Gefühl, dass auf deutscher Seite Interesse, vor allem aber Begeisterung für den jüdischen Staat immer mehr sinken (mal abgesehen von dem Tel Aviv-Enthusiasmus, der ein relativ neues Phänomen darstellt). Das sieht man im Kleinen zum Beispiel ganz gut daran, dass heutzutage deutlich weniger israelische Schriftsteller ins Deutsche übersetzt werden wie noch in den 90er Jahren. Oder auch daran, dass in den letzten Jahren kaum noch neue Städtepartnerschaften zwischen den Ländern etabliert wurden (die neuen Bundesländer hinken hier sowieso hoffnungslos hinterher, in meiner Heimat Mecklenburg-Vorpommern gibt es nicht eine Städtepartnerschaft mit einer jüdischen Stadt in Israel). Aber auch in der Politik, die bei weitem nicht mehr so Israel-freundlich ist, wie sie mal war. In den Medien, die es – bis auf die Springer-Erzeugnisse – wohl noch nie waren. Aber auch im Umgang der Deutschen mit ihrer eigenen Geschichte: Nicht umsonst erzählte mir ein israelischer Tourguide neulich völlig entsetzt, dass die deutschen Delegationen immer öfter völlig emotionslos durch Yad Vashem rannten.

Für mich persönlich ist Israel ein Thema, das ich auch dann nicht loswerde, wenn in meinem Geburtsland bin. Vor allem bei Lesungen blicke ich recht deutlich in die deutsche Seele und ihre Gefühle für das Land, dass ich auch mein Zuhause nenne: Gerade bei Lesungen meiner Tel Aviv-Krimis habe ich oft ein Publikum, in dem der Grossteil noch nie in Israel war (mein Lieblingspublikum, denn – whoppa – da kann man jemanden, der noch nie einen Regenbogen gesehen hat zum ersten Mal davon erzählen). Wenn ich hingegen aus meinen Kolumnen „Guten Morgen Tel Aviv“ lese, bekomme ich im Nachgang oft Fragen wie: „Was denken Sie denn über die Siedlungen?“ oder gerne auch mal Nichtfragen wie „Also was die Israelis mit den Palästinensern da machen…Gerade die sollten es doch besser wissen.“ Ich habe natürlich auf beide Kommentare eine passende Antwort, aber ein bisschen deprimiert es mich manchmal doch, dass man in Deutschland nie so tun kann, als wäre Israel Italien. Denn ich bezweifle doch stark, dass Autoren, die über Dolce Vita in Italien schreiben, sich immer zur rechten Landespolitik oder zur Mafia äussern müssen.

Während ich mich in Deutschland für Israel, Bibi oder Ultraorthodoxe rechtfertigen muss, muss ich Israelis eher erklären, warum ich das reiche, gut funktionierende Deutschland verlassen habe. Meist aber wundere ich mich über das „normale“ Verhältnis, das viele Israelis zu Deutschland haben. Keine blinde Liebe, kein blinder Hass. Und das alles, während es in Deutschland die Worte „israelkritisch“ und „israelfreundlich“ sogar in den Duden geschafft haben. Wenn ich nur wüsste, was wir tun könnten, um das deutsch-israelische Verhältnis zu normalisieren. Oder auch nur am Leben zu erhalten.

Das israelische Fernsehen berichtete gestern übrigens von einer Flaschenpost, die ein deutsches Kind in Griechenland ins Meer geworfen hatte und die ein israelisches Kind hier am Strand fand. Die beiden Familien (vor allem die deutsche Seite reagierte sehr emotional auf die Antwort aus Israel) stehen nun in Kontakt – man will einander besuchen. Eine Flaschenpost als Antwort auf all meine Fragen – warum eigentlich nicht?

Warten auf eine Flaschenpost aus Deutschland – am Strand von Tel Aviv (Bild: KHC).

Redakteurin Katharina Höftmann arbeitete im Auslandsbüro der dpa in Tel Aviv und für die WELT ONLINE. Sie lebt als freie Journalistin und Buchautorin in Tel Aviv («Guten Morgen Tel Aviv», «Die letzte Sünde»).

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