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Kolumne: Keine Kinder in Tel Aviv

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„Tel Aviv ist fast kinderfrei“ – so titelte in der vergangenen Woche das israelische Onlinemedium Ynet und erklärte, dass trotz aussergewöhnlich hoher Geburtenrate in Israel (3,1 Kinder pro Frau im Durchschnitt) allgemein, Tel Aviv eine eher kinderarme Stadt sei. Während Kinder in Jerusalem fast 40 Prozent der Bevölkerung ausmachen, sind es in Tel Aviv nämlich nur 21 Prozent – nun kann man sich darüber streiten, ob man das schon als „fast kinderfrei“ bezeichnen kann. Denn, auch hier in Tel Aviv sind die Gruppen in den Kitas voll. Auch hier in Tel Aviv kommt man selten auf einen leeren Spielplatz. Auch hier in Tel Aviv gehören Kinder zum Leben so sehr dazu, dass man sie überall hin mitnehmen kann, ohne je komisch angeguckt zu werden.

Ich persönlich finde ja sogar, dass Tel Aviv eine wundervolle Stadt für Kinder ist – wir haben das Meer (der BESTE Outdoorspielplatz), tausende Spielplätze überall und eine Kultur, in der Kinder einfach gerne gesehen werden. Und ja, auch dann, wenn sie den Supermarkt zusammenbrüllen. Während man in solchen Momenten in Deutschland eher missmutig angesehen wird (wenn man Glück hat und einen die Mitbürger nicht gleich beschimpfen), begegnen die Tel Avivis jedem Schreianfall meines kleinen Sohnes mit Geduld und Liebe: „Ach du Süsser, was ist denn los? Bist du müde? Möchtest du einen Bonbon? Du bist aber auch ein niedlich.“ Ich finde also Tel Aviv ziemlich perfekt mit Kindern. Nun gehöre ich aber auch nicht zu den Eltern, die für ihre Kids einen Garten und viel Auslauf als unbedingt erforderlich empfinden. Für mich ist es viel wichtiger, dass ich mit meinem grossen Sohn regelmässig in die Kinderoper und ins Museum gehen kann. All das bietet Tel Aviv, kindgerecht und für Eltern unkompliziert. Aber natürlich, natürlich ist das nur eine Seite der Medaille. Denn gleichzeitig ist Tel Aviv in Israel sicherlich einer der schwierigsten Orte, um Kinder aufzuziehen. Das merken wir vor allem dann, wenn Eltern, die wir kennen, ein drittes Kind bekommen und gezwungenermassen die Stadt verlassen müssen. Tel Aviv ist nämlich für viele Familien schlichtweg zu teuer. Und zwar in allem, aber vor allem auch in den Dingen, die man als Familie braucht.

Die Kita kostet bis drei Jahre etwa 800 Euro im Monat, und auch danach zahlt man gute 200 Euro monatlich, wenn man möchte, dass das Kind bis etwa 16.30 Uhr „fremdbetreut“ wird. Die Wohnungen und Supermärkte sind in Tel Aviv auch deutlich teurer als im Rest des Landes. Babysitter kosten natürlich auch mehr. Nun sagen mir Taxifahrer aus dem Umland, die für die Kita ihrer Kinder „nur“ 500 Euro pro Monat zahlen, gerne: „Warum müsst ihr auch mitten in Tel Aviv wohnen? Zieht doch weg, wenn es euch zu teuer ist!“ Und damit haben sie natürlich auch Recht. Immobilien sind in jeder Metropole teuer, Supermärkte auch – Kitas hingegen müssen es nicht sein. Wie man an Berlin sieht, wo die Kinderbetreuung ab einem Jahr mittlerweile kostenlos (!) ist.
Und ja, man könnte auch woanders leben, aber man könnte sich auch die Haare abrasieren und dann müsste man nicht ständig kämmen und pflegen. Wäre man damit glücklich? Nein. Wir lieben unser Leben in Tel Aviv. Auch und gerade mit Kindern.

Noch ein Kind werden wir aber wahrscheinlich trotzdem nicht bekommen (und damit auf den Durchschnitt in Israel kommen) – denn dann wird unsere Wohnung zu klein. Und drei Mal die Kosten für Kita und Hort monatlich zu wuppen ist undenkbar. Wenn also Tel Aviv so weiter macht und immer teurer wird, dann ist die Stadt, die doch gerade ihre Vielseitigkeit ausmacht, irgendwann nicht mehr für „normale“ Familien sondern nur noch für Superreiche interessant. Dann gehen aber nicht nur die Familien, sondern auch die Künstler und Kreativen.

Wir haben gerade den alten Bürgermeister wiedergewählt – ich hoffe sehr, dass man auch im Tel Aviver Rathaus die Nachricht gelesen hat und die richtigen Konsequenzen daraus zieht.

Mit so einem Blick schaukeln – das können Kinder nicht in vielen Städten (Bild: KHC).

Redakteurin Katharina Höftmann arbeitete im Auslandsbüro der dpa in Tel Aviv und für die WELT ONLINE. Sie lebt als freie Journalistin und Buchautorin in Tel Aviv («Guten Morgen Tel Aviv», «Die letzte Sünde»).

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