MAGAZIN – LEBEN IN ISRAEL

„In Israel ist man mutiger“

in Die Schweiz in Israel

Botschafter Jean-Daniel Ruch arbeitet seit einem halben Jahr in der Botschaft in Tel Aviv. Im Interview verrät er, wie er die wirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen Israel und der Schweiz einschätzt und was wir Schweizer von den Israelis lernen können.

Zwischenzeilen: Seit September 2016 sind Sie der aktuelle Schweizer Botschafter in Israel. Welche Aufgaben hat Ihnen Ihr Vorgänger hinterlassen?

Jean-Daniel Ruch: Es sind hauptsächlich Projekte im Bereich Kultur, vor allem eine bedeutsame Ausstellung in Kooperation über CERN mit dem renommierten Weizmann-Institut. Verhandlungen zwischen der Schweiz und Israel sind derzeit keine offen. Die letzte wichtige Vereinbarung war der gegenseitige, automatische Informationsaustausch zwischen den beiden Finanzministerien im letzten Jahr. Bei den bilateralen Verträgen gibt es derzeit nichts auszuhandeln, da unsere Beziehungen auf stabilem Fundament stehen.

Der Bundesrat in Israel

Wo sehen Sie Ihre Schwerpunkte?

Sicher im Bereich der Wirtschaft und Innovation. Bundesrat Johann Schneider-Ammann, unser Minister für Wirtschaft, aber auch für Forschung und Innovation, hat seine Absichten erklärt, in der zweiten Hälfte dieses Jahres mit einer Delegation nach Israel reisen zu wollen. Diese Reise wird sich auf Innovation fokussieren. Sowohl die Schweiz als auch Israel sind beide führend in dem Bereich, insbesondere im Bereich Start-Ups. Das wird die perfekte Gelegenheit sein, diesen Fakt hervorzuheben. In der Tat wird die Schweiz oft nur klischeehaft mit Uhren, Schokolade und schönen Bergen assoziiert. Aber die Schweiz erscheint regelmässig an erster Stelle in den Weltranglisten in den Bereichen Wettbewerbsfähigkeit und Innovation. Ich sehe da riesige Kooperationsmöglichkeiten.

Die Schweiz wird in Israel wirtschaftlich kaum wahrgenommen. Sind wir zu wenig stark präsent?

In Fachkreisen sind wir sehr wohl bekannt. Es werden viele Kooperationen geschlossen und in professionellen Kreisen ist man sich bewusst, wie viel Potential noch ausgeschöpft werden kann. Viele Kooperationen bleiben auch unsichtbar, weil es sich dabei um kleine Firmen handelt. Aber wenn wir an die Pharmaindustrie oder an Nahrungsmittelindustrie denken, sind wir sichtbar vertreten.

Wirtschaftliche Zusammenarbeit

 In welchen Bereichen des Handels sehen Sie unausgeschöpftes Potential?

Unser Handel mit Israel wächst ständig: Israel ist nach Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten unser dritter Handelspartner in der Region. Sowohl Import als auch Export sind 2016 angestiegen: Unser Export um 0,6 und Import um fast 10 Prozent. Wir exportieren vor allem im Bereich der Pharmaindustrie und Edelmetalle. Im landwirtschaftlichen Bereich könnte der Austausch etwas intensiver sein, aber das grösste Potential gibt es da meiner Meinung nach, hauptsächlich im High-Tech Bereich.

Sowohl die Schweiz als auch Israel sind Länder, die sich von ihren Nachbarländer in einer Art und Weise abgrenzen. Beide Länder sind etwa gleich gross und haben eine ähnlich grosse Bevölkerung. Was können die beiden Länder voneinander lernen?

Um einen gewissen Grad an Unabhängigkeit zu erlangen, braucht man vor allem eine starke Wirtschaft. Israel könnte sich viel von unserem Bildungssystem inspirieren lassen. Ich höre von Wirtschaftsseiten in Israel oft, dass es einen Mangel an qualifizierten Fachkräften gibt. In der Schweiz schätzen wir die Fachkräfte, die eine interne Berufsbildung in einem Unternehmen abgeschlossen haben. Diese Fachleute geniessen ein hohes Ansehen. Viele wichtige Länder, inbegriffen die USA, lassen sich von diesem Bildungssystem inspirieren. In Israel hingegen wird fast nur eine akademische Ausbildung mit gesellschaftlicher Anerkennung honoriert. Unser Bildungssystem ist eng mit unseren Werten verknüpft, ist Teil unserer Innovationskraft und garantiert unseren hohen Qualitätsstandard in allen Bereichen, vom Bauwesen, über die Uhrenindustrie, die Finanzdienstleistungen, Pharmaindustrie bis in den High-Tech-Bereich.

Die Schweiz hingegen könnte von dem kühnen Umgang der Israelis mit Investitionen, insbesondere was Start-Ups anbelangt, lernen. Während man in der Schweiz eine Erfolgsgarantie verlangt, um in ein Unternehmen zu investieren, ist man in Israel viel mutiger. Man investiert sogar weiter, auch wenn eine Person in der Vergangenheit bereits gescheitert ist. Und Scheitern wird hier nicht als Niederlage erachtet. Dies gehört zum persönlichen Werdegang.

Schweizer Botschafter in Israel: Jean-Daniel Ruch.
Schweizer Botschafter in Israel: Jean-Daniel Ruch.

 

Das Interview führte Joëlle Weil

Die freie Journalistin Joëlle Weil schreibt für diverse nationale und regionale Zeitungen und Magazine in der Schweiz. Seit 2013 lebt und arbeitet die Zürcherin in Tel Aviv.

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