MAGAZIN – LEBEN IN ISRAEL

Angst vor Terror? Fahren Sie mal in Israel Auto!

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Tolle Nachrichten für Tel Avivs Bewohner und Gäste: Künftig soll es in der Stadt neben den grünen Leihrädern auch kleine grüne Leihautos geben, die man für eine kurze Zeit anmieten kann – und das beste daran, es werden extra 500 Parkplätze für die Flitzer, an denen Kermit der Frosch seine Freude hätte, zur Verfügung gestellt. Ein Parkplatz in Tel Aviv ist etwa so wertvoll wie Wasser in der Wüste. Nicht umsonst scherzt man in Kriegszeiten gerne, dass Raketen aus Gaza weniger als zwei Minuten Flugzeit nach Tel Aviv brauchen, dann aber eine Stunde lang einen Parkplatz suchen müssen.

Wenn mein Sohn, gebürtiger Tel Avivi, mit seinen Autos spielt, geht es immer darum, einen Parkplatz zu finden – oder andere Fahrzeuge aus dem Weg zu hupen: „Mama, sag denen mal, dass es mir unangenehm ist, wie sie fahren.“ Von wem er diese höfliche Ausdrucksweise gelernt hat, ist mir schleierhaft, sicher aber ist:
Er hat drei wesentliche Dinge über sein Heimatland verstanden. In Tel Aviv gibt es keine Parkplätze. Wenn man in Israel Auto fährt, muss man hupen.
Und alle um einen herum gurken durch die Strassen, als ob sie auf dem Rummel gerade in einen Autoscooter gesprungen sind.

Selbst die grössten Israel-Liebhaber (also diejenigen, die hier nicht leben und einem trotzdem gerne Vorträge darüber halten, wie viel Glück man hat, hier leben zu dürfen und einen dann schräg anschauen, wenn man es wagt, irgendetwas am Schlaraffenland zu kritisieren) können sich darauf einigen, dass Autofahren hier keinen Spass macht. Ich möchte sogar soweit gehen, zu sagen, dass jeder Nicht-Israeli, der jemals in Israel Auto gefahren ist, sich danach zwei Mal überlegt, ob das mit der Einwanderung wirklich so dringend ist. Israels Strassen sind die Steigerung von Israels Supermärkten, der berühmte israelische Egoismus, die berüchtigte Rücksichtslosigkeit wurden hier quasi geboren.

Andere Fahrer schneiden, Spuren unberechenbar und natürlich ohne zu blinken zu wechseln und massives Drängeln (erst recht in einem Stau!) sind hier so etwas wie ein Volkssport. Weitere Disziplinen in der israelischen Verkehrsolympiade sind: Mit dem Fahrzeug mitten auf der Strasse anzuhalten, weil man kurz in den Kiosk muss. Oder den Bürgersteig zu blockieren, weil es einem eben völlig egal ist, ob Leute mit Kinderwagen oder im Rollstuhl dann noch vorbeikommen. Und natürlich werden all diese Sportarten mit höchstmöglicher Aggression ausgeführt, Stichwort Testosterondoping. Obendrein sind die Autos gerne mit abenteuerlich befestigten Sofas unterwegs und 80 Prozent der Fahrer sprech-schreien beim Fahren in ihr Telefon. Schlimmer sind nur noch die Motorroller und Elektroräder, die aus Fussgängerwegen Rennstrecken machen. Für alle gilt: Niemand schaut nach rechts oder links, der Schulterblick ist was für verweichlichte Europäer, Verkehrsschilder sind bestenfalls Handlungsempfehlungen und Zebra-Streifen dienen lediglich als städtische Safari-Deko.

Im Ausland werden wir oft auf die Terrorgefahr angesprochen und gefragt, ob wir keine Angst hätten, hier in Israel zu leben. Ich sage Ihnen jetzt mal was: Wenn man tagtäglich auf Israels Strassen überlebt, hat man vor nichts mehr Angst. Der Verkehr ist ziemlich wahrscheinlich der wahre Grund für die oftmals bewunderte israelische Furchtlosigkeit und Lebensfreude. In Deutschland hupt man nur bei Hochzeiten als Ausdruck der Freude – hier in Israel hingegen ist so ein Hupkonzert Alltag. Und jeder Tag der schönste im Leben.

Freundlich aus dem Auto winken – das kann sich nur der Tel Aviver Bürgermeister Ron Huldai leisten (Bild: Stadtverwaltung Tel Aviv)
Freundlich aus dem Auto winken – das kann sich nur der Tel Aviver Bürgermeister Ron Huldai leisten (Bild: Stadtverwaltung Tel Aviv)

Weitere Informationen:

Carsharing für Tel Aviv (englisch), No Camels, 17.01.17

Redakteurin Katharina Höftmann arbeitete im Auslandsbüro der dpa in Tel Aviv und für die WELT ONLINE. Sie lebt als freie Journalistin und Buchautorin in Tel Aviv («Guten Morgen Tel Aviv», «Die letzte Sünde»).

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