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Israels Erdgas-Wunder: „Wir sparen bereits jährlich mehrere Milliarden Dollar.“

in Israel Zwischenzeilen/Reportagen

Die Funde verschiedener Erdgas-Felder vor der israelischen Küste haben den Energie-Markt im Land fundamental verändert. Man freut sich nicht nur über geringere Stromkosten, sondern will sich sogar als Erdgas-Exporteur etablieren. Wir haben mit dem Vorstandsvorsitzenden des führenden, staatlichen Unternehmens für den Vertrieb von Erdgas gesprochen…

Das Gespräch führte Katharina Höftmann

Zwischenzeilen (ZZ): Vor einigen Jahren wurden vor der israelischen Küste riesige Erdgas-Felder entdeckt. Was ist seitdem passiert? Wo steht die Erdgas-Industrie in Israel heute?

Samuel Tordjman (ST): Bevor die Erdgas-Felder entdeckt wurden, fundierte der israelische Energiemarkt hauptsächlich auf Kohle und Erdöl. Nach Entdecken des Mari B-Feldes entschied der Staat, den Erdgas-Sektor systematisch zu entwickeln und fördern. In diesem Zusammenhang wurde INGL (Israel Natural Gas Lines) 2004 gegründet.

ZZ: Welche Aufgaben übernimmt INGL?

ST: Wir sind u.a. für die Installation von Leitungen zum Transport von Erdgas verantwortlich. Parallel begann unser Unternehmen bereits vor Jahren damit, die Kraftwerke der staatlichen Elektrizitätswerke umzuwandeln, so dass sie Erdgas verarbeiten können – acht Werke sind bereits verbunden. Ausserdem wurden wichtige Industriezentren und Fabriken mit den Gasleitungen verbunden. Anfang 2013 haben wir einen Terminal zum Import von Flüssigerdgas fertiggestellt und das Tamar-Feld mit diesem verbunden. Dieses stellt momentan die Hauptgasquelle für Konsumenten wie die Elektrizitätswerke, private Kraftwerke und andere Vertriebsunternehmen für Erdgas dar. Daneben untersuchen wir, inwiefern das Erdgas unterirdisch gespeichert werden kann.

Stromkosten werden dank Erdgas um zehn Prozent gesenkt

ZZ: Die Erdgasfunde werden Israels Energiesituation fundamental verändern. Inwiefern werden israelische Bürger davon profitieren?

ST: Wenn die Erschliessung der Gasfelder abgeschlossen ist, wird Israels Energiemarkt von anderen Ländern unabhängig sein. Bis heute konnte die israelische Wirtschaft im Durchschnitt bereits mehr als zwei Milliarden Dollar jährlich einsparen. Kürzlich haben die Elektrizitätswerke angekündigt, dass die Stromkosten um zehn Prozent gesenkt werden. Der Staat erhöht ausserdem seine Steuereinnahmen durch die Abgaben von Gasanbietern, das hilft der israelischen Wirtschaft entscheidend. Und nicht zuletzt wird sich die Wettbewerbsfähigkeit israelischer Firmen durch geringere Stromkosten verbessern.

Samuel Tordjeman ist seit 2010 der Geschäftsführer von INGL. Das staatliche Unternehmen hat 100 Mitarbeiter und wurde gegründet, um den gesamten Bau und Betrieb der Infrastruktur für den Transport von Erdgas zu gewährleisten.
Samuel Tordjman ist seit 2010 der Geschäftsführer von INGL. Das staatliche Unternehmen hat 100 Mitarbeiter und wurde gegründet, um den gesamten Bau und Betrieb der Infrastruktur für den Transport von Erdgas zu gewährleisten.

 

ZZ: Es gibt sogar Pläne, das Israel Erdgas exportieren soll.

ST: Israel arbeitet darauf hin, ein wichtiger Player in der Energieversorgung im gesamten Nahen Osten und Europa zu werden. Es gibt bereits Vereinbarungen, eine Gasleitung nach Jordanien zu installieren und auch andere Länder sind als Abnehmer für israelisches Erdgas im Gespräch.

ZZ: Es gab viel Kritik dazu, dass nur wenige Firmen von den Erdgasfunden profitieren. Wie so oft in der israelischen Wirtschaft gibt es nicht genug Wettbewerb und es fehlen Regulationsmechanismen. Wie schätzen Sie die Situation ein?

ST: Man darf zuerst einmal nicht vergessen, dass es sich hier um einen relativ neuen Markt handelt. Die Situation hat sich durch neue Erdgasfunde häufig verändert, daran müssen die Regulierungen angepasst werden. Vor kurzem hat die Regierung Gesetze für die Besteuerung und zum Export von Erdgas erlassen. Die Wettbewerbsbehörden müssen nun ebenfalls Lösungen finden, die einerseits die Entwicklung des Marktes erlauben und andererseits für ausländische Investoren attraktiv sind.

Die „andere“ Seite der Erdgasfunde

Israels Erdgas-Funde haben auch eine erhebliche geopolitische Bedeutung. Exportpläne ermöglichen einerseits Allianzen mit Nachbarstaaten wie Jordanien, andererseits müssen die Erdgasfelder von der israelischen Armee vor Anschlägen, beispielsweise durch die libanesische Hisbollah, geschützt werden. Um das Erdgas nach Europa zu exportieren, ist ausserdem eine Partnerschaft nötig, die momentan mit Zypern geplant wird, hier könnte jedoch das schwierige Verhältnis beider Länder zur Türkei zum Problem für die Installierung von Gasleitungen nach Europa werden.

Israels Gasfelder im Überblick (Bild: Greenprophet.com).
Israels Gasfelder im Überblick (Bild: Greenprophet.com).

 

ZZ: Welche Auswirkungen hat die Erdgasgewinnung auf die Umwelt?

ST: Die Gewinnung und Nutzung von Erdgas verursacht viel weniger Umweltverschmutzung als andere Brennstoffe. Bei der Gewinnung werden kaum Abgase wie Kohlenwasserstoffe und Treibhausgas-Emissionen freigesetzt, das bestätigen Untersuchungen des Umweltministeriums und verschiedener Umweltorganisationen.

ZZ: Welche Herausforderungen stellt der Markt dar?

ST: Heutzutage basieren 50 Prozent der israelischen Stromversorgung auf Erdgas. In wenigen Jahren werden es 70 bis 80 Prozent sein, dafür müssen aber die Versorgungssysteme und ihre Zuverlässigkeit kontinuierlich entwickelt werden. Wir werden zu diesem Zweck rund zwei Milliarden Schekel investieren, um neue Gasleitungen zu installieren und die Speicherung von Erdgas zu gewährleisten.

 

Eine Anlage zum Transport von Erdgas vor der israelischen Küste (Bild: INGL).

 

Weitere Informationen:

 

Redakteurin Katharina Höftmann arbeitete im Auslandsbüro der dpa in Tel Aviv und für die WELT ONLINE. Sie lebt als freie Journalistin und Buchautorin in Tel Aviv («Guten Morgen Tel Aviv», «Die letzte Sünde»).

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