MAGAZIN – LEBEN IN ISRAEL

Kolumne: Ein Königreich für einen Ring

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Es ist eine süsse Geschichte aus Israel, die zeigt, dass Hilfsbereitschaft im Land oft riesig gross geschrieben wird: Als eine Frau in der Stadt Rosh Ha-Ayin ihren Ring, ein wertvolles Erbstück, das sie gerade erst zum 40. Geburtstag von ihrer 100-Jährigen Grossmutter bekommen hatte, bei der Müllentsorgung verlor, versetzte das die gesamte Mannschaft der Entsorgungswerke in Aufruhr.

Die Geschichte, über die das Medienportal Ynet berichtete, geht demnach so: Nachdem die Frau ihren Hausmüll getrennt und zu den Recyclingtonnen gebracht hatte, bemerkte sie, dass ihr Ring verschwunden war. Sie alarmierte ihren Mann, der sofort die Stadtverwaltung anrief und um Hilfe bat: „Die Bewohnerin unserer Stadt hatte ihren Müll in einen Recycling-Container geworfen, der fast eine Vierteltonne Müll enthielt“, erzählte Yoav Taidi, stellvertretender Leiter der Abteilung für Entsorgung, später: „Als ich am Tatort ankam, sah ich eine verzweifelt zitternde Frau. Ihr Schmerz war geradezu spürbar und natürlich rief ich sofort meine gesamte Mannschaft zusammen, um die Tonne zu durchsuchen und jedes Papier von Hand zu trennen, bis wir ihren Müll und den fehlenden Ring fanden.“

Der besagte Ring, den eine Israelin mit Hilfe des gesamten Müllabfuhr-Teams retten konnte (Bild: Dana Kopel/Ynet)

Nun kann man viel über das raue Klima in Israel sagen. Ja, die Menschen sind hier oft grob, es gibt keine informelle Höflichkeit wie in Nord-West-Europa. Die Worte bitte, danke und Entschuldigung sind schon bei kleinsten Israelis eher Ausnahmen: Aber wenn man jemanden um Hilfe bittet, bekommt man sie. Ich erinnere mich gut daran, wie ich in Berlin hochschwanger mehrmals Taxifahrer anflehte, mir mit meinem Koffer zu helfen, vergebens. In Israel wäre das undenkbar. Israelis mögen nicht immer die aufmerksamsten sein, sie mögen nicht die rücksichtsvollsten sein, aber wenn man sie nach Hilfe fragt, dann sagen sie nicht nein. Passend dazu gibt es diesen lustigen Spruch, den ich damals in meinem Ulpan-Sprachkurs gelernt habe und der das Phänomen israelische Rücksichtslosigkeit gepaart mit unbedingter Hilfsbereitschaft perfekt auf den Punkt bringt: Ein Israeli fährt dich auf der Strasse um, aber dann trägt er dich auf dem Rücken ins Krankenhaus.

Redakteurin Katharina Höftmann Ciobotaru arbeitete im Auslandsbüro der dpa in Tel Aviv und für die WELT ONLINE. Sie lebt als freie Journalistin und Buchautorin in Tel Aviv («Guten Morgen Tel Aviv», «Die letzte Sünde»).

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