MAGAZIN – LEBEN IN ISRAEL

Kolumne: Fussball in Feindesgebiet

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Israelis lieben Fussball. Okay, sie sind selbst nicht besonders gut darin, vor allem im Vergleich zu den grossen europäischen und südamerikanischen Mannschaften, aber sie gucken es leidenschaftlich gerne. An wichtigen Spielabenden, Champions League oder ähnliches, höre ich die Fans in den Sportbars auf der Dizengoff bei jedem Tor so laut jubeln, dass in meiner Wohnung die Wände wackeln.

Auch im Vorfeld zur aktuellen WM in Katar sah ich, wie sämtliche Bars in meiner Nachbarschaft ihre grossen Bildschirme aufstellten und mit WM-Fähnchen dekorierten. Am Eröffnungsspielabend bestanden meine Söhne und einer ihrer Freunde, der gerade zu Besuch war, ebenfalls darauf das Spiel zu gucken. Nein, an Boykott denkt hier niemand. Und trotzdem: Gerade für Israelis bleibt bei dieser WM in einem muslimischen Land ein bitterer Nachgeschmack. Und so sagte der Kumpel von meinem Sohn mit Anpfiff richtigerweise zu ihm: „Wusstest du, dass Katar nur für die WM-Zeit Frieden mit uns geschlossen hat? Eigentlich dürfen wir da nicht mal hin.“ „Echt?“, antwortete mein Junge, „Na dann bin ich auf jeden Fall für Ecuador.“

Und irgendwie tat mir das in der Seele weh. Während in Europa gerade grosses Entsetzen über die schlimmen Zustände für Gastarbeiter in Katar herrscht, „und wie? Homosexuelle hassen die auch?“, spüren wir hier in Israel schon lange die menschenverachtende Feindseligkeit vieler muslimischer Länder – es vergeht immerhin kaum ein internationales Sportevent bei dem nicht irgendein Spieler aus Israel in irgendeiner Form diskriminiert wird. Nun kann man dieser Tage wahrlich nicht besonders stolz auf die politischen Entwicklungen im israelischen Staat sein, aber die Tatsache ist doch, dass ich bisher noch von keinem israelischen Spieler gehört habe, der einem muslimischen nicht die Hand schütteln wollte. Oder gar darauf verzichtete, gegen ihn anzutreten.

Selbst jetzt, selbst während dieser Fussball-WM in Katar, bei der israelische Besucher aufgefordert wurden, zu verstecken, woher sie kommen, bei der jüdische Gebete verboten wurden und auch das koschere Essen, was es eigentlich geben sollte, nur in extrem abgespeckter Variante vorhanden ist, selbst jetzt denkt in Israel niemand an Boykott. Vielleicht hat sich das jüdische Volk schon zu sehr daran gewöhnt, dass man ihm in vielen muslimischen Ländern mit Hass und Antisemitismus begegnet. Und das traurigste: Für meinen Sohn war es noch überraschend, aber jetzt weiss er es.

Ein Fussballstadion: Israelis sind an Diskriminierung bei Sportevents gewöhnt (Bild: Pexels/Pixabay).

Redakteurin Katharina Höftmann Ciobotaru arbeitete im Auslandsbüro der dpa in Tel Aviv und für die WELT ONLINE. Sie lebt als freie Journalistin und Buchautorin in Tel Aviv («Guten Morgen Tel Aviv», «Die letzte Sünde»).

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