Ich bin vor einigen Tagen in der Post als „Deutsche“ beschimpft worden.
Zehn Jahre lang habe ich darauf gewartet, dass es irgendjemand stört, wenn ich lauthals auf deutsch telefonierend durch Tel Aviv radle. Zehn Jahre lang habe ich darauf gewartet, dass irgendjemand mir etwas gemeines zuzischt, oder mir wenigstens einen bösen Blick zuwirft, wenn ich erkläre, wo ich ursprünglich herkomme. Aber nie passierte etwas. Als ich schon gar nicht mehr damit rechnete, mich so sicher fühlte, dass ich selbst in der gut besuchten Postfiliale im Dizengoff Center meine Kinder auf deutsch maßregelte, ohne mit der Wimper zu zucken, war es soweit. Der Beleidigung, die ich erst gar nicht als Beleidigung empfand – die Angestellte brüllte „Germania“ und das hieß zuerst einmal ja nur „Deutsche“ und ja das war ich, seit Geburt, kann man nichts machen, find ich nicht mega toll, aber auch nicht mega scheiße – ging natürlich ein Streitgespräch voraus. Man hat in Israel oft Streitgespräche.
In diesem Fall war es so, dass ich einen Termin in der Post gemacht hatte, aber trotzdem nicht rankam, um meine zwei Pakete mit Spielzeugen und Büchern für die Kinder (kaufe ich sonst nur in Deutschland, aber: Corona!) abzuholen. Stattdessen kamen alle möglichen Leute ran, die nach mir die Postfiliale betreten hatten. Als ich mich in israelischer Direktheit danach erkundigte, warum ich trotz Termin immer noch wie eine Statue herumstand, kam es zu einem hitzigem Wortwechsel mit einer etwa Mitte 50-Jährigen Postmitarbeiterin an dessen Ende sie mir das Wort „Germania“ ins Gesicht spuckte wie einen Olivenkern. Ich sah zu meinen Kindern, die davon nicht weiter berührt schienen und dann wieder zu der Postfrau zurück. Fragend, anders hätte man mein Gesicht in diesem Moment nicht beschreiben können, glaube ich. Fragend, weil ich nicht verstand, was sie damit meinte: „Germania!“
Ich bin Auseinandersetzungen in Israel gewöhnt, ey, so leben wir hier. Man schnauzt sich an, beleidigt sich ein bisschen und schließt dann Freundschaft. Und ja, anfangs fand ich das unerträglich, aber nach zehn Jahren finde ich es eigentlich die ehrlichere Art zu leben. Alles immer sofort rauszuschreien kann auch unglaublich befreiend sein. Ich gehörte nie zur schüchternen Sorte, aber mit welcher Selbstverständlichkeit ich mittlerweile Motorradfahrer, die auf dem Bürgersteig der Dizengoff entlang düsen, als sei das die eigentliche Straße, verfluche, ist mittlerweile das israelischte an mir – und fällt mir immer dann auf, wenn meine Eltern zu Besuch sind und mich ob meiner ständigen Wutausbrüche völlig entsetzt anstarren.
Und während mich früher so eine Auseinandersetzung tagelang beschäftigte, verfluche ich heute die Mütter von fremden Menschen, drehe mich um und vergesse das Ganze sofort wieder.
Aber das „Germania“ traf mich mitten ins Herz. So lange schon hatte ich mich nicht mehr in Israel fremd gefühlt, so sehr war ich, vor allem auch durch meine zwei Söhne, mit diesem Land und diesem Volk verwachsen. Und plötzlich war sie wieder da, diese unsichtbare Wand. Dieses Gefühl, dass Minoritäten wohl ihr ganzes Leben lang spüren, dieses Gefühl, das ich, die ich als weiße Deutsche in Deutschland aufgewachsen bin, aber nie kannte: Nicht dazuzugehören. Von den anderen nicht als Teil des Volkes wahrgenommen zu werden. Als Nicht-Jüdin, die ich noch vier lange Jahre nach meiner Einwanderung ins Gelobte Land war, hatte ich zum ersten Mal zu einer Minderheit gehört. Und ja klar, Goia, das israelische Wort für „Schickse“, war jetzt auch nicht so geil. Aber immerhin war es ein Wort, mit dem ich mich nie großartig identifiziert habe. Weil Religion lange gar keine Rolle in meinem Leben spielte. „Germania“ hingegen, das saß. Das traf. Denn das war ich. Und war es doch nicht nur, denn in meiner Eigenwahrnehmung bin ich längst auch Israelin. Und ich musste sehr lange schlucken, bevor ich begann, mich zu verteidigen. Als ich das tat, begann mich nun auch noch die Chefin der Filiale anzuschreien, beleidigte mich jetzt ebenfalls als „Germania“. In den ganzen Trubel schrie ein Mann am Schalter neben mir: „Hört auf mit diesem Rassismus, das kann doch nicht euer Ernst sein“. Das war nett von ihm (danke an dieser Stelle an den Unbekannten), aber mir war trotzdem elendig zu Mute. Ich schaute hektisch, wo meine Kinder waren, die ich im Eifer des Gefechts völlig aus den Augen verloren hatte (sie standen an der Ausgangstür und schauten sehnsüchtig zu dem Mammut hinüber, in das man fünf Schekel werfen musste, damit es ein wenig hin- und herschaukelte) und sagte gar nichts mehr.
Mit aufeinander gepressten Lippen schnappte ich mir mein Paket, die Kinder und erst als ich wieder draußen stand, die Tel Aviver Sonne in meinen Augen, der Lärm der Straße in meinen Ohren, flog das hasserfüllte „Germania“ in mein Herz und mir kamen die Tränen. Nicht weil ich es nicht verstehen konnte, dass irgendjemand in diesem jüdischen Staat etwas gegen Deutsche hatte, sondern weil jemand hier in diesem Land fand, dass ich nicht dazugehörte. Trotz meiner Kinder. Trotz meines sehr guten Hebräisch. Trotzdem ich nie einem Streit aus dem Wege ging, so wie echte Israelis das auch taten. Ich atmete tief ein und aus und als ich das Wortgefecht in Gedanken noch einmal durchging begriff ich: Normalerweise hätte ich diese „Beleidigung“ weggelacht – aber dank Corona-Krise war ich seit sieben Monaten nicht mehr in Deutschland. Das ist die längste Zeit, die ich jemals ohne mein Geburtsland verbracht habe. Ich war dünnhäutig. Ich hatte Heimweh. Ich war eben eine echte Germania.
