MAGAZIN – LEBEN IN ISRAEL

Kolumne: Patriotismus für Anfänger

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Letzte Woche Donnerstag sass ich vormittags auf der Terrasse (ich schwöre, das passiert eigentlich nie, nicht, dass sie jetzt denken, typisch, diese Schriftsteller gammeln nur rum), als plötzlich zwei F15-Jets über meinen Kopf donnerten. Es waren die Tage in denen Trump seinen Syrienangriff ankündigte und die deutsche Schnappatmung, zuverlässig rollend wie ein Volkswagen, vom nächsten Weltkrieg sprach. Und obwohl ich mich – weil hey, ich lebe in Israel, wir verfallen hier nicht so schnell in Panik – gerne über die German Angst und diese Tendenz, immer gleich so unglaublich zu übertreiben, lustig mache, dachte ich eine sehr lange Sekunde lang, dass wir angegriffen werden. Absurderweise bewegte ich mich nicht vom Fleck. Ich hätte reinrennen können, hinunter in unseren Bunkerraum, dort die Metalltür versperren und der Dinge ausharren können, stattdessen starrte ich in den Himmel wie eine Strassenkatze in den Autoscheinwerfer.

Tatsächlich probten die beiden F15-Kampfjets für die Flugshow, die alljährlich zum Unabhängigkeitstag aufgeführt wird. Israel wird 70, ist jetzt also die Oma, die im Hühnerstall Motorrad fährt (ich habe zwei Kinder, die das Musikprogramm bestimmen, daher die Metapher mit Kinderlied) oder halt mit den F15 Jets über Tel Aviver Dächer donnert. Mit meiner Kriegsangst stand ich übrigens nicht alleine da: Hunderte Anrufe gingen beim Notruf ein, alle von Israelis, die ebenfalls dachten, dass wir angegriffen werden.

F15 Kampfjets fliegen über Tel Aviv

Das ging also selbst den meisten Sabras (so nennt man Menschen, die in Israel geboren wurden – ganz passend nach einer Kaktuspflanze) zu weit – so weit, dass das Militär schnell beschloss, die F15-Jets nicht bei den Feierlichkeiten einzusetzen. Was schon erstaunlich ist, weil der Geburtstag Israels hier wirklich exzessiv begangen wird. In der Kita meines Sohnes muss man schon seit einer Woche die Tausend Fahnen beiseite schieben, um überhaupt die Räumlichkeiten betreten zu können und jeden Morgen läuft neuerdings die Tikwa (das ist die israelische Hymne). Mein Sohn fiebert auf den Geburtstag seines Geburtslandes hin wie sonst nur auf Eis mit bunten Streuseln.

60 Fahnen für einen besonders patriotischen Pool – Israel bereitet sich auf den Unabhängigkeitstag vor (Bild: Michele Scemama)

Als Deutsche, die solche Emotionen wie Patriotismus nur aus der Literatur kennt, schaue ich manchmal immer noch ungläubig darauf, wie die Liebe zum Land hier in Israel von Klein auf genährt wird. Der Yom Hazmaut, wie das Ganze auf Hebräisch heisst, ist so etwas wie unser Sylvester, nur eben mit israelischen Fahnenmeer. Es gibt Feuerwerke, Konzerte und auf jedem Tel Aviver Dach eine Tranceparty.

Und es fällt gerade mir als Deutsche ja irgendwie auch leicht, bei diesem Israel-Enthusiasmus mitzumachen. Diese unglaubliche Geschichte, dieses Wunder, des einzigen jüdischen Staates der Welt, und dann noch so erfolgreich, trotz allem – das berührt mich zutiefst. Und so schwenke ich zwar selbst noch keine Fahne, aber, dass mein erster Sohn vor vier Jahren am Unabhängigkeitstag pünktlich mit dem Feuerwerk um 22 Uhr auf die Welt gekommen ist, kann kein Zufall sein. Natürlich wollte ich ihn damals direkt Herzl nennen, was mein Mann, israelischer Sabra, liebevoll mit den Worten zurückwies, dass das ungefähr der letzte Name sei, den er seinem Erstgeborenen geben würde.

Was soll ich sagen, der deutsche Hang zu Übertreibungen steckt halt doch in mir.

In Tel Aviv kann man die Flugshow am Unabhängigkeitstag bequem vom Strand aus beobachten (Bild: KHC).

Redakteurin Katharina Höftmann arbeitete im Auslandsbüro der dpa in Tel Aviv und für die WELT ONLINE. Sie lebt als freie Journalistin und Buchautorin in Tel Aviv («Guten Morgen Tel Aviv», «Die letzte Sünde»).

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