MAGAZIN – LEBEN IN ISRAEL

Gastarbeiter in Israels Pflegesektor: Wenn aus dem Arbeitgeber Familie wird

in Israel Zwischenzeilen/Reportagen

Sie kommen aus Indien, Sri Lanka, Nepal und den Philippinen und kümmern sich um Israels ältere Menschen: Die sogenannten „Helfer“ sind Gastarbeiter, die oft ihre eigenen Familien im Heimatland zurücklassen. Unglücklich sind sie in Israel trotzdem nicht, denn die Arbeit im Land verschafft ihnen ein gutes Auskommen und viele neue Erfahrungen…

Mittags am Rabin Platz in Tel Aviv. Auf den ersten Blick sieht die Gruppe, die sich dort auf den Bänken im Schatten der Palmen zusammengefunden hat, ungewöhnlich aus: Vorne sitzen die Rentner, die meisten in Rollstühlen. Dahinter auf den Bänken, lachend und plaudernd, mehrere Filipinos. Es ist ein Bild, das in Israel dazu gehört. Gastarbeiter aus Indien, Sri Lanka, Nepal oder eben den Philippinen kümmern sich um viele ältere Menschen im Land. Insgesamt gibt es offiziell mehr als 55.000 Pfleger aus Übersee in Israel. Sie leben mit ihren Arbeitgebern in deren Wohnungen zusammen und stehen ihnen manchmal bis zum Tod bei. Dabei entstehen oft intime Beziehungen und aus Angestellten werden Familienmitgliedern.

Gutes Geld und viele neue Erfahrungen

Als Jg (gesprochen Ji) Rescopin von Manila nach Israel kam, war sie gut 20 Kilo schwerer und auf der Flucht vor ihrem Lebenspartner. Auf den Philippinen liess sie nicht nur ihre zwölfjährige Tochter zurück, sondern auch einen guten Job in der Stadtverwaltung. „Meine Tochter wollte natürlich nicht, dass ich gehe, aber ich habe ihr gesagt, dass wir an unsere Zukunft denken müssen. Ich will, dass sie in Manila studieren kann!“ Eigentlich wollte Jg lieber als Pflegerin in London oder Kanada arbeiten, aber das erste Angebot kam aus Israel. Für Jg anfangs nicht unbedingt ein Wunschziel: „Wo ich herkomme, sind Juden nicht sehr beliebt. Aber wenn man in Israel lebt, kann man seine Meinung nur ändern. Für mich ist Israel wie der Himmel auf Erden. Die Menschen sind sehr freundlich, sie behandeln selbst Tiere mit Respekt und ich verdiene gutes Geld.“

Jg und ihre Arbeitgeberin, eine Witwe aus Jerusalems Stadtteil Rehavia, haben schnell ein inniges Verhältnis zueinander aufgebaut. Ihre „Lady“, wie sie die 91-Jährige nennt, hat ihr nicht nur dabei geholfen, abzunehmen, sondern bietet ihr eine ganze Menge, völlig neuer Erfahrungen: Gemeinsam besuchen sie die Philharmonie, das Israel-Museum und lesen jeden Morgen ein Kapitel in der Bibel. Es sind Dinge, die Jg geniesst, eben weil sie sie in Manila nie tun würde. Trotzdem ginge die 38-Jährige natürlich jederzeit in ihre Heimat zurück, wenn sie dort ein vernünftiges Gehalt verdienen würde.

Jg und ihre „Lady“ in Jerusalem (Bild: privat).
Jg und ihre „Lady“ in Jerusalem (Bild: privat).

Auch Robert Lobo, der ursprünglich aus Mumbai in Indien kommt, ist nach Israel gezogen, um seiner Familie ein besseres Leben zu ermöglichen. Eigentlich ist der 45-Jährige Sales und Marketing Manager. Aber in Indien ist es üblich, dass Angestellte, wenn sie zu lange im Unternehmen sind und zuviel Geld kosten, über Versetzungen aus dem Unternehmen gedrängt werden: „Wenn ich in einem anderen indischen Staat, tausende Kilometer von zu Hause entfernt arbeiten muss, kann ich auch gleich nach Israel gehen. Zumal ich hier fast das doppelte verdiene.“ Roberts Schwester und ein paar seiner Cousins arbeiten ebenfalls in der Altenpflege im Land, seiner 6-Jährigen Tochter hat er aber trotzdem nicht erzählt, dass er nun auf einem anderen Kontinent lebt, sie glaubt, dass ihr Vater in einem anderen indischen Stadt arbeitet. Robert betreut in Ramat Aviv ein älteres Ehepaar, lebt bei ihnen, kocht für sie und kümmert sich darum, dass sie ihre Medikamente nehmen. Dabei wundert er sich immer wieder darüber, wie aktiv ältere Menschen hier im Vergleich zu denen in Indien sind – und wie oft sie den Arzt besuchen.

Robert ist selbst froh mit der Familie, in die er gekommen ist, aber er kennt auch andere Pfleger, die es nicht so gut getroffen haben. Das ständige Zusammenleben ist nicht immer einfach. Gerade in der Pflege von Demenzkranken oder Alzheimer-Patienten müssen manche Gastarbeiter einiges aushalten. Trotzdem: Während beispielsweise in Deutschland immer wieder skandalöse Umstände aus Altenheimen bekannt werden, gab es in Israel bisher nicht einen Skandal solchen Umfangs. Das liegt vielleicht auch daran, dass viele der ausländischen Pfleger in Israel bereits mit ihren eigenen Eltern zu Hause Erfahrungen gesammelt haben. Kommen sie doch meist aus Ländern, in denen erwartet wird, dass sich die Kinder um ihre pflegebedürftige Eltern kümmern.

Robert kommt ursprünglich aus Mumbai in Indien (Bild: Katharina Höftmann).
Robert kommt ursprünglich aus Mumbai in Indien (Bild: Katharina Höftmann).

Vermittlungsagenturen kassieren illegale Gebühren

Dazu kommt, dass die Arbeit der Pfleger streng durch die israelische Regierung reguliert wird. Wenn ein Pfleger sich nicht wohl fühlt, gibt es die Möglichkeit, die Arbeitsstelle zu wechseln. Nur, was in den Herkunftsländern vor Antritt der Arbeitsstelle in Israel passiert, bereitet Arbeitsrechtlern in Israel Kopfschmerzen: Alle Gastarbeiter zahlen Gebühren in Höhe von mehreren tausend Dollar an eine Vermittlungsagentur– eine Vorgehensweise, die eigentlich illegal ist – und müssen so in ihren ersten Jahren in Israel erst einmal hohe Kredite abzahlen. Die Pfleger sprechen offen darüber, nur zitiert werden möchte keiner, um Ärger mit eben diesen illegal vorgehenden Agenturen zu vermeiden.

Daneben investieren die Gastarbeiter auch schon im Vorfeld viel Zeit in ihre neue Tätigkeit, in mehrwöchigen Kursen werden sie auf das Leben in Israel vorbereitet, lernen u.a. das Kochen von landestypischen Gerichten. So ist es auf den Philippinen ganz und gar nicht üblich, rohes Gemüse zu essen – in Israel gehören Salate aber dazu. Wenn ihre Schützlinge keine rund-um-die-Uhr-Betreuung benötigen, haben die Gastarbeiter einen freien Tag in der Woche. Doch auch diesen nutzen sie nicht, um sich auszuruhen, sondern meistens jobben sie noch irgendwo anders, als Babysitter oder Gärtner. Manchmal vertreten sie Bekannte in ihrer Stelle als Pfleger, etwas, das eigentlich auch verboten ist, denn das jeweilige Arbeitsvisum gilt offiziell nur für den Pflegeberuf und nur für einen Arbeitgeber.

An ihren freien Tagen kommt Jg nach Tel Aviv-hier am Busbahnhof, wo sich viele der Gastarbeiter treffen (Bild: Katharina Höftmann).
An ihren freien Tagen kommt Jg nach Tel Aviv-hier am Busbahnhof, wo sich viele der Gastarbeiter treffen (Bild: Katharina Höftmann).

Da fast alle Pfleger Christen sind, hat der Aufenthalt in Israel für die Altenpfleger auch oft eine sehr spirituelle Bedeutung: „Ich bin direkt an meinem ersten Tag nach Jerusalem gefahren, das war unglaublich. Ich hätte nie im Leben gedacht, dass ich dort mal hinkomme“, erzählt beispielsweise Robert Lobo. Auch für Jg ist das Leben in Jerusalem fast wie eine Belohnung: „Dass ich ausgerechnet in dieser Stadt leben kann ist wirklich das Beste an meinem Beruf.“ Angst vor Terror oder Krieg hat sie übrigens seitdem sie in Israel angekommen ist, nicht mehr. „Die Philippinen sind alles andere als ein sicheres Land. Und hier lebe ich in der gleichen Nachbarschaft wie der israelische Präsident. Noch dazu im Lande Jesu‘ – was will man mehr?“

Weitere Informationen:

Lesetipp: „The last to remember – von philippinischen Altenpflegerinnen und Aufopferung im Gelobten Land“, ein Beitrag von Claudia Liebelt im Jüdischen Almanach (Jüdischer Verlag, Suhrkamp)

Viele Pfleger hoch verschuldet (englisch), Times of Israel, 11.02.16

 

 

 

Redakteurin Katharina Höftmann Ciobotaru arbeitete im Auslandsbüro der dpa in Tel Aviv und für die WELT ONLINE. Sie lebt als freie Journalistin und Buchautorin in Tel Aviv («Guten Morgen Tel Aviv», «Die letzte Sünde»).

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