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Betonkoloss und Parallelwelt: Der zentrale Busbahnhof in Tel Aviv

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Der Busbahnhof in Tel Aviv ist für die meisten Israelis eine absolute Bausünde: 230.000 qm gross, kaum Fenster, kaum natürliches Licht. Dabei wurde an dem siebenstöckige Koloss im Süden der Stadt eine halbe Ewigkeit von 1967 bis 1993 gebaut. Trotzdem verirren sich die meisten Besucher irgendwo zwischen den 29 Rolltreppen und 13 Fahrstühlen. Als in den vergangenen Jahren die Fälle von sexueller Belästigung und sogar Vergewaltigungen in dem Busbahnhof zunahmen und sich um die Station herum immer mehr zwielichtige Gestalten, Junkies und Prostituierte sammelten, betraten viele Israelis den Busbahnhof gar nicht mehr und fuhren stattdessen lieber von der Arlozorov Station im Norden Tel Avivs ab.

Wer sich aber doch in den Bahnhof traut, kann erstaunliche Dinge entdecken. Das einzige Museum für Jiddisch im Land zum Beispiel, verschiedene Galerien und Theater oder zu Hip-Hop tanzende junge Immigranten aus Afrika – sogar ein Chinatown soll sich irgendwo in dem Labyrinth aus Gängen und Stockwerken verstecken. Die Organisation „Tel Aviv Arts Council“ hat jetzt erstmalig eine Kunsttour durch den Betonriesen angeboten, die u.a. Antworten auf die Frage geben soll, wer überhaupt auf die Idee kam, für ein so kleines Land wie Israel den zweitgrössten Busbahnhof der Welt zu designen (der grösste steht in Dehli). Die Tour war innerhalb weniger Stunden restlos ausverkauft – eine neue wird es hoffentlich bald geben. Daneben bietet die Kunstorganisation „ctlv“ ebenfalls jeden Freitag englischsprachige Touren durch den Busbahnhof an.

Betonkoloss in Tel Aviv, die meisten Israelis halten den Busbahnhof für einen Schandfleck (Bild: shnabel.technion.ac.il)
Betonkoloss in Tel Aviv, die meisten Israelis halten den Busbahnhof für einen Schandfleck (Bild: shnabel.technion.ac.il)

 

Redakteurin Katharina Höftmann arbeitete im Auslandsbüro der dpa in Tel Aviv und für die WELT ONLINE. Sie lebt als freie Journalistin und Buchautorin in Tel Aviv («Guten Morgen Tel Aviv», «Die letzte Sünde»).

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