MAGAZIN – LEBEN IN ISRAEL

Portrait des Künstlers Dan Rubinstein: „Mich treibt die Frage nach dem ‚Warum’“

in Israel Zwischenzeilen/Reportagen

Der 1940 im damaligen Palästina geborene Künstler Dan Rubinstein beeindruckt durch seine unglaubliche Geschichte von Krankheit und Kreativität – seine Schaffenskraft scheint trotz aller Schicksalsschläge über Jahrzehnte ungebrochen. Auch mit Mitte Siebzig liegt ihm und seiner Frau, der Schriftstellerin Marta Rubinstein, nichts ferner, als sich zur Ruhe zu setzen. Auf Besuch bei den Beiden in Netanya, lernt man ein ganz besonderes Paar kennen, das sein Leben der Kunst gewidmet hat…

Von Katharina Höftmann

„Dort hinten haben wir gewohnt“, Dan Rubinstein sitzt auf auf seinem Balkon und zeigt über die Hochhäuser von Netanya hinweg, „natürlich war das damals alles Sand hier. Strassen, Hochhäuser – das gab es ja noch gar nicht.“ Rubinstein kann von einem Land erzählen, das offiziell noch nicht existierte, als er 1940 geboren wurde. Seine Eltern, Holocaust-Überlebende aus Berlin und Ostpreussen waren 1936 ins damalige Palästina eingewandert und Dan Rubinstein ist, was man in Israel einen echten „Sabra“ (Bezeichnung für in Palästina bzw. Israel geborene Juden) nennt. Der Künstler erinnert sich an den Unabhängigkeitstag genauso gut, wie an den Krieg der darauf folgte. Wenn Rubinstein auf sein Leben zurückschaut, hat man das Gefühl, dass er es gerne tut. Trotz allem. Denn Dan Rubinsteins Leben reiht sich in eine unglückliche Tradition grosser Künstler wie Frida Kahlo, Henri Matisse und Vincent Van Gogh ein: Auch ihn plagt seit jungen Jahre und bis heute eine schwere Krankheit. Während andere junge Israelis in die Schule gingen, später ins Militär, fesselten ihn unerträgliche Schmerzen im Rücken, in der Hüfte, in den Knien über Jahre ans Bett. Wenn er davon erzählt, wie er auf dem Nachhauseweg plötzlich nicht mehr laufen konnte, wie alle Tabletten nichts halfen und kein Arzt mehr weiter wusste, hat man das Gefühl, die Schmerzen, die er empfunden haben muss, förmlich zu spüren.

Seine Frau, die Schriftstellerin Marta Rubinstein, schaut kurz auf den Balkon heraus. Sie will sich auf den Weg zum Supermarkt machen, um Chanukka-Kerzen zu kaufen. Das Lichterfest feiert das Wunder des Leuchters im zweiten Tempel, der eigentlich nur genug Öl für einen Tag hatte und trotzdem acht Tage lang brannte. Eine Geschichte, die Dan Rubinstein sehr an sein eigenes Leben erinnert. Sein Wunder war die Bircher-Klinik in Zürich, sein Licht die Malerei. Mit 24 Jahren war er, nach mehreren erfolglosen Behandlungsversuchen in Israel, bereits ein Jahr in der Klinik und sein Zustand verbesserte sich endlich. Er nutze die neue gewonnene Kraft und wandelte sein Leiden in Kreativität um: „Ich malte alles, was ich von meinem Krankenbett aus sah, die Schuhe, die ich lange nicht anziehen konnte. Den Blick auf den Zürichsee, den Tellerwäscher Josef aus der Klinikküche.“ Auch wenn er sein Leben nicht nur durch die Krankheit definieren will, Rubinstein glaubt, dass sie ein wichtiger Teil seiner Entwicklung als Künstler ist: „Heute bin ich darüber hinweg, aber ohne die Krankheit wäre ich nicht dahin gekommen, wo ich bin. Ohne diesen Teil meiner Lebensgeschichte zu verstehen, ist es, als würde man in die Mitte eines Ozeans springen, ohne den Anfang zu kennen.“

Ölbild von Dan Rubinstein (Bild: Katharina Höftmann)
Ölbild von Dan Rubinstein (Bild: Katharina Höftmann)

Als ein Zürcher Galerist auf den jungen Rubinstein aufmerksam wurde und innerhalb kürzester Zeit zwei Bilder für mehrere hundert Schweizer Franken verkaufte, beschloss er, die Malerei zum Beruf zu machen. Dafür begann Dan Rubinstein 1967 sein Studium an der Kunstgewerbeschule in Zürich. Und er fing an, alles, was ihm vor die Augen kam, zu malen. Vor allem die verlorenen Seelen in der Bahnhofswartehalle, Bettler, Kranke, Huren und einfache Arbeiter haben es ihm angetan. 1969 dann wird er eingeladen, auf einem Festival für klassische Musik den berühmten Violinisten Yehudi Menuhin zu portraitieren. Rubinstein entdeckt seine Begeisterung für die Musik, die bis heute anhält. Es folgen Portraits von Ravi Shankar, dem jungen Itzhak Perlman und anderen Grössen der klassischen Musik. Nebenbei unterrichtete der Maler schwierige, auffällige Patienten im Bircher Krankenhaus. Auch in diesem Zusammenhang setzte sich mehr und mehr mit der jüdischen Perspektive auf die Dinge auseinander: „Mich hat die Frage nach dem Warum angetrieben. Und ich finde viele Antworten in der jüdischen Lebensweise.“ Obwohl er nicht religiös aufgewachsen ist, fasziniert ihn die Schöpfungsgeschichte, die Symbolik des hebräischen Alphabets und die jüdische Lehre.

Von Dan Rubinstein gestaltete Ketubba, ein jüdischer Ehevertrag. (Bild: KH)
Von Dan Rubinstein gestaltete Ketubba, ein jüdischer Ehevertrag. (Bild: KH)

Auf einer Reise in seine Heimat Israel in den Siebziger Jahren lernte er schliesslich seine Frau Marta kennen, die ursprünglich aus Argentinien kommt. In den folgenden Jahrzehnten werden die beiden immer wieder zusammenarbeiten. Sie textet und schreibt, er malt und illustriert. Romane, Kinderbücher, Erzählungen. Gemeinsam gründen sie den Kunstverlag „Edition Eden“. Daneben fertigt Dan Rubinstein über die Jahre klassischen Ölbilder sowie unzählige Zeichnungen, Grafiken und Radierungen an. Der Weingarten Verlag veröffentlicht mehrere Sammlerbänder mit seinen Werken, darunter auch ein israelischen Kochbuch, das er mit Aquarellen und Zeichnungen aus dem Heiligen Land angefüllt hat. Rubinsteins Werke werden erfolgreich in Schweden, den USA, England und Deutschland ausgestellt. Die Schaffenskraft des Künstlers ist schier unglaublich. Doch in den Neunziger Jahren werfen ihn zwei Auffahrunfälle wiederum aus der Bahn. Erneut kann er jahrelang kaum arbeiten. Als es schliesslich besser wird, entdeckt er die Glaskunst für sich. Kirchen, Krankenhäuser und Synagogen fragen bei Rubinstein an, ob er nicht Fenster in den Gebäuden mit biblischen Motiven gestalten kann.

 

Dan und Marta Rubinstein in ihrer Wohnung in Netanya. (Bild: KH)
Dan und Marta Rubinstein in ihrer Wohnung in Netanya. (Bild: KH)

Es ist auch ein solcher Auftrag, der ihn dieses Mal zu Chanukka nach Israel gebracht hat. In einer neuen Synagoge in Ramat Gan hat er zwölf Fenster mit Bildern der zwölf Stämme Israels gestaltet. Die Fenster zeigen die Bilder der Stämme nicht einfach nur, sie machen die Geschichte der Bibel mit ihrer aussergewöhnlichen Farbkraft förmlich erlebbar. Gemeinsam mit seiner Frau Marta arbeitet er jetzt an einem Buch über das Projekt. Marta und Dan Rubinstein scheinen noch lange kein Interesse daran zu haben, sich zur Ruhe zu setzen. Ihre Schaffenskraft ist bei Weitem nicht erschöpft. Inspiriert werden sie dabei auch von ihrem Leben zwischen den zwei Welten in Zürich und Netanya. „Zürich ist unser Zuhause, aber Netanya die Basis.“, erklärt Dan Rubinstein und seine Frau Marta ergänzt: „Wir fühlen uns in der Schweiz sehr wohl. Haben dort unsere beiden Kinder aufgezogen, aber unsere Identität, die liegt in Israel.“

 

Synagogenfenster in Ramat Gan, gestaltet von Dan Rubinstein. (Bild: privat)
Synagogenfenster in Ramat Gan, gestaltet von Dan Rubinstein. (Bild: privat)

 

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Redakteurin Katharina Höftmann arbeitete im Auslandsbüro der dpa in Tel Aviv und für die WELT ONLINE. Sie lebt als freie Journalistin und Buchautorin in Tel Aviv («Guten Morgen Tel Aviv», «Die letzte Sünde»).

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