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Gewerkschaft in Israel: Der Staat im Staat hat immer noch einen erheblichen Einfluss

in Israel Zwischenzeilen/Reportagen

Die israelische Gewerkschaftsorganisation Histadrut hat eine interessante Entwicklung durchgemacht: Vom Staat im Staat, der bereits vor Staatsgründung viele Lebensbereiche seiner Bürger abgedeckt hat wurde aus der Organisation in den 90er Jahren ein fast unwichtiger kleiner Verein. Heute ist die Histadrut die einzige Gewerkschaft weltweit, die sich über einen stetigen Mitgliederzuwachs freuen kann…

Von Katharina Höftmann

„Bis 1994 war die Histadrut ein Staat im Staat. 70 Prozent der Bevölkerung waren Mitglieder in der damals noch von der Gewerkschaft betriebenen Krankenkasse. Die Histadrut übernahm staatliche Aufgaben von der Polizei bis zu Schulen. Sie führte die Frauenbewegung ‚Naamat‘ und den Sportverein ‚Hapoel‘ – sie war ein Gigant.“, erzählt Michel Weinberg, stellvertretender Geschäftsführer der Deutsch-Israelischen Industrie- und Handelskammer, im Hinblick auf die Vergangenheit der israelischen Gewerkschaft. Weinberg hat selbst jahrelang bei Histadrut gearbeitet. Er kennt ihre Geschichte, die in ihren Anfängen so gar nicht mit Gewerkschaften aus dem deutschsprachigen Raum vergleichbar ist.

Bereits vor der Staatsgründung, 1920, wurde die Gewerkschaft vom späteren Premierminister David Ben Gurion mit der Aufgabe, Strukturen im sozialen Bereich zu etablieren, gegründet. Altersheime, Sportvereine, die Krankenkasse „Clalit“, eine Zeitung ja sogar eine Bank gründete die Histadrut. So war es nicht weiter verwunderlich, dass die Gewerkschaft auch nach Staatsgründung einen erheblichen Einfluss im Land Israel hatte. Zeitweise waren durch die Mitgliedschaft in der gewerkschaftlichen Krankenkasse rund 70 Prozent der Israelis in der Histadrut organisiert. Gemeinsam mit der Arbeiterpartei sicherte man sich einen wesentlichen politischen Einfluss im Land. Doch die Anerkennung für die Gewerkschaft sank, als Ende der 80er Jahre zahlreiche Histadrut-Unternehmen pleite gingen. Immer wieder stand die Organisation in den folgenden Jahren vor dem Bankrott. Als schliesslich 1994 im Rahmen der grossen Krankenkassenreform die Krankenkasse von der Histadrut abgetrennt wurde, verwandelte sich eine der wichtigsten Organisationen des Landes in einen kleinen Verein. Die Gewerkschaft verlor aber nicht nur an Einfluss, sondern vor allem auch an Geld.

Historisches Poster zum 30-Jährigen Jubiläum der israelischen Gewerkschaft (Bild: palestineposterproject.org)

Historisches Poster zum 30-Jährigen Jubiläum der israelischen Gewerkschaft (Bild: palestineposterproject.org)

Trotzdem ist die Histadrut auch heute alles andere als bedeutungslos: „In Israel haben die Einzelgewerkschaften nichts zu sagen, sondern der Chef der Histadrut entscheidet alles. Und wenn die Histadrut einen Streik ausruft, dann betrifft er alle öffentlichen Einrichtungen, von den öffentlichen Verkehrsmitteln über die Post, sämtliche Ämter bis zur Müllentsorgung.“, beschreibt Weinberg. Rund 15 solcher Generalstreiks gab es in Israel in den letzten 30 Jahren. Für Tarifverträge im öffentlichen Bereich ist die Histadrut noch immer massgeblicher Einflussfaktor. Aber nicht nur das. Ihre Einmischung kann selbst Vorstandsvorsitzende von weltweit agierenden Unternehmen ins Wanken bringen. So kürzlich geschehen beim Generikahersteller „Teva“: Geschäftsführer Jeremy Levin trat nach Streitigkeiten um Budgetkürzungen zurück. Anders als der Vorsitzende des Aufsichtsrats hatte Levin Verhandlungen mit der Histadrut, die auf die Entlassung von rund 800 Mitarbeitern mit heftiger Kritik reagiert hatte, nicht ausgeschlossen. Aber war es wirklich die Gewerkschaft oder nicht vielmehr die öffentliche Meinung, die im Unternehmen für derartige Unruhe gesorgt hat?

In jedem Fall hat es die Gewerkschaft im heutigen Israel nicht einfach. Der Politologe und Historiker Michael Wolffsohn beschreibt in seinem Buch „Israel: Geschichte, Politik, Gesellschaft, Wirtschaft“ das politische System, dass in Israel seit den 1990er Jahren herrscht als „Turbo-Kapitalismus“. Dass diese Ausrichtung auch die Arbeit der Gewerkschaft beeinflusst, weiss Avital Shapira, Direktorin der Internationalen Abteilung der Gewerkschaft Histadrut, zu berichten. „Der Neoliberalismus ist in Israel besonders seit Beginn des 21. Jahrhunderts mehr und mehr in den Mittelpunkt gerückt, ironischerweise hat er dazu beigetragen, dass die Menschen unsere Arbeit umso wichtiger finden. Unsere Erfolge, wie die Organisation von Sektoren beispielsweise aus dem Bereich Mobilfunk oder Versicherung und der damit verbundenen Gewährleistung von Arbeitsrechten, Boni, sozialen Leistungen etc. haben die Leute überzeugt. Mehr denn je wollen sie Mitglieder in der Histadrut werden.“

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Die Histadrut rühmt sich, die einzige Gewerkschaft weltweit zu sein, die einen stetigen Mitgliederzuwachs hat. Rund 700.000 Arbeitnehmer gehören der Organisation in Israel heute an. 10 Prozent von ihnen gehören zu den Minderheiten, sind beispielsweise arabische Israelis. Rund vier von 28 regionalen Gremien betreiben Kinder- und Jugendzentren in arabischen Städten. Auch in Ost- Jerusalem ist die Gewerkschaft, die sich für eine friedliche Koexistenz zwischen Israelis und Palästinensern sowie mit den arabischen Nachbarn einsetzt, aktiv. Daneben gibt es eine intensive Zusammenarbeit mit der palästinensischen Partnerorganisation PGFTU.

Doch natürlich sehen nicht alle die Arbeit der Gewerkschaft positiv. Zu der Rücktrittsankündigung des noch amtierenden Vorsitzenden Ofer Eini erklärte etwa die Vorsitzende der linken Meretz-Partei Zehava Gal-On: „Eini hat die Histadrut von einer Organisation mit dem Ziel, Arbeiter und ihre Rechte zu schützen in eine Vereinigung mit einer nach Geschäftsinteressen ausgerichteten Agenda verwandelt, die sich lediglich für Protektionismus und Deals interessiert.“ Gerade den linken Organisationen im Land ist die Histadrut schon lange nicht mehr links genug. Auch deswegen hat sich vor einigen Jahren die Alternativgewerkschaft „Maan-WAC“ gegründet, die vornehmlich die Rechte von Gastarbeitern und Arabern im Land vertritt.

Avital Shapira bei einer Veranstaltung der Histadrut (Bild: Privat).
Avital Shapira bei einer Veranstaltung der Histadrut (Bild: Privat).

Mit dem erheblichen Einfluss der Histadrut kann es aber bisher keine der kleineren Gewerkschaftsorganisationen aufnehmen. „Unsere Ideologie lautete einst, dass wir das Leben der Bürger von Geburt bis Tod abdecken wollen.“, beschreibt Shapira die Idee neben Krankenhäusern und Pflegeheimen auch Kindergärten, Jugendzentren, Sportvereine und vieles andere zu betreiben. Das funktioniert so natürlich im heutigen Israel nicht mehr, einen erheblichen Einfluss auf die Wirtschaft des Landes wird die Histadrut aber auch in Zukunft haben.

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Redakteurin Katharina Höftmann arbeitete im Auslandsbüro der dpa in Tel Aviv und für die WELT ONLINE. Sie lebt als freie Journalistin und Buchautorin in Tel Aviv («Guten Morgen Tel Aviv», «Die letzte Sünde»).

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