Von Rebecca Steiner
Ich trage den Namen meiner Ur-Ur-Grossmutter jeden Tag um meinen Hals. Es ist auch mein Name, mein hebräischer Name, Lana. Ich habe die Kette bei meinem ersten Besuch in Israel gekauft und in den letzten zehn Jahren nicht einmal abgenommen.
Ich vergesse eigentlich nie, dass ich die Enkelin von vier Holocaust-Überlebenden bin. Wenn ich an die vielen Wunder denke, die geschehen mussten, damit ich leben kann, ist es schwer, das zu vergessen. Ich bin keine Statistikexpertin, aber ich weiss, dass die Chancen dafür, dass ich am Leben bin, statistisch gesehen nahezu nicht vorhanden sind.
Alle vier meiner Grosseltern wurden in der Gegend von Siebenbürgen/Ungarn geboren. Von der Seite meines Vaters nennen wir meine Grosseltern Ima und Aba, was auf Hebräisch Mama und Papa heisst. Ima und Aba waren trafen sich als Teenager, kurz bevor der Krieg ausbrach. Sie gingen gemeinsam tanzen, unter Aufsicht natürlich.

Aba wurde in ein Arbeitslager gebracht, wo er irgendwie überlebte. Als der Krieg zu Ende war, sass er auf Zypern fest und schaffte es schliesslich nach Haifa, immer er ein Bild seiner Jugendliebe Ibi in den Händen. Wie gross war die Wahrscheinlichkeit, dass er sie wiedersehen würde?
Ima wurde nach Auschwitz gebracht. Sie sagt, dass sie den „Todesmarsch“ von Auschwitz nach Bergen-Belsen nur deshalb überlebte, weil ihre Mutter sie immer wieder drängte, dass sie „weitergehen“ muss. Meine Urgrossmutter starb drei Tage nach der Befreiung an Typhus, aber Ima wurde gerettet. Während sie sich in Schweden erholte, wurde eine Liste von Überlebenden herumgereicht, auf der der Name „Abraham Steiner“, Abas Name, ganz oben stand. Konnte es sein, dass dies ihr Abraham war?
Sie gab eine Anzeige in der Jerusalem Post auf und suchte nach Abraham. Und dann schrieb er ihr zurück, er sei am Leben und lebe in Israel. Ima bestieg ein Boot und kam in Israel an, drei Monate später waren sie verheiratet, neun Monate später bekamen sie meinen Onkel und ein paar Jahre später meinen Vater. Irgendwann landeten sie in Brooklyn, NY, weil es für sie in Israel zu schwierig war, ihren Lebensunterhalt zu verdienen.
Nach meiner Aliyah lebte ich zwei Jahre lang in Tel Aviv, bevor ich feststellte, dass ich in genau derselben Wohnung wohnte, in der Ima und Aba geheiratet und gelebt hatten. Ernsthaft, wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass so etwas passiert?

Mein Grossvater mütterlicherseits, Zaidy, wurde ebenfalls in ein Arbeitslager geschickt. Er überlebte, indem er Brot von den Kaninchen stahl. Er half auch seinen Schwestern zu überleben, allen sieben von ihnen. Meine Grossmutter mütterlicherseits, Bobby, hingegen, versteckte sich, nachdem ihr Bruder erschossen und in die Donau geworfen worden war, mit gefälschten Papieren als angebliche Christin in einem Waisenhaus. Als der Krieg zu Ende war, brachte ihre Mutter, die ihr bereits die gefälschten Papiere besorgt hatte, sie nach New York. Sie wurde mit meinem Grossvater verheiratet und die beiden blieben in Brooklyn. Dort wurde dann auch meine Mutter geboren, dort wuchs sie auf. Irgendwann beschloss sie, das Brooklyn College zu besuchen, auf das auch mein Vater ging.
Manchmal stelle ich mir vor, was ich getan hätte, wenn ich gesehen hätte, was meine Vorfahren gesehen haben. Obwohl die Erinnerung daran auch für mich schmerzhaft ist, überwiegt doch das Gefühl der Stärke. Auch ich bin eine Überlebenskünstlerin. Nichts kann mich umhauen. Ich bin statistisch gesehen unmöglich. Was für ein Zufall eigentlich, dass es mich überhaupt gibt.

Oft denke ich, dass ich wirklich aus einem bestimmten Grund auf der Welt sein muss. Ich frage mich: „Warum wurde ich mit all diesen Möglichkeiten gesegnet?“ Mit diesem Segen und allen Möglichkeiten der Welt entschied ich mich, ausgerechnet nach Israel zu ziehen, wo damals für meine Familie alles neu begann. Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, an einen Ort zurückzukehren, den deine Familie verlassen hat? Israel ist das Land, das existiert, damit wir uns nicht mehr verstecken müssen, es ist unser einziges Zuhause. Jede andere Heimat, die wir hatten, gibt es für uns nicht mehr.
Das erste, was die Leute normalerweise fragen, wenn sie jemanden neu kennenlernen, ist: „Wie heisst du?“ Wenn ich gefragt werde, antworte ich immer: „Mein englischer Name ist Rebecca und mein hebräischer ist Lana“, und dann greife ich nach meiner Halskette. Wenn sie mich dann fragen, was das bedeutet, sage ich: „Ich bin die Enkelin von vier Holocaust-Überlebenden, und das ist der Name meiner Ur-Ur-Grossmutter, sie kam aus Ungarn.“ Dann erzähle ich, dass „Lana“ auf Hebräisch „schlafen“ bedeutet. Und erzähle weiter, dass ich alles andere als verschlafen bin, meine Vorfahren mögen nicht mehr leben, aber durch mich ist die Erinnerung an sie hellwach.
Ich fühle mich so gesegnet, dass ich die Geschichte meiner Grosseltern hier in Israel weiterlebe. Ihre Biografien beeinflussen mein Leben täglich. Vor kurzem habe ich angefangen, mehr von dem zu tun, was ich liebe. Ich habe meinen alten Job aufgegeben, um einen neuen zu finden, habe wieder angefangen zu schreiben, bin in den Norden des Landes gezogen, um in der Natur zu leben, habe angefangen, mehr Tora zu lernen, und lebe bewusst ein Leben in Israel, so, wie ich es leben möchte. Und warum? Weil ich die Wahl habe. Ich kann tun, was ich will, weil ich mit dem Leben gesegnet bin. Meine Grosseltern hatten diese Wahl nicht. Sie mussten überleben, sie mussten heilen. Obwohl auch ich ihren Schmerz immer in mir tragen werde, überlebe ich nicht nur, sondern ich wachse und entwickle mich in dem Land, das ihnen eine weitere Chance auf Leben gab.

