MAGAZIN – LEBEN IN ISRAEL

Immer noch kein Abkommen für die Rückkehr der Geiseln in Sicht

in Israel Zwischenzeilen/Leben, Kultur & Sport

Trotz wochenlanger Meldungen von ägyptischen und US-amerikanischen Beamten zu einer nahenden Waffenstillstandseinigung, gibt es bis jetzt keine konkreten Ergebnisse der Verhandlungen.

Israel lehnte es Anfang der Woche sogar ab, eine Delegation zu der aktuellen Gesprächsrunde in Kairo zu entsenden, da die Hamas keine Liste der noch lebenden Geiseln vorlegte, die Ägypten und Katar Israel bei einer früheren Gesprächsrunde in Paris zugesichert hatten.

Vertreter der Terrororganisation Hamas, die mehr als 100 israelische Geiseln gefangen hält, behaupteten nun plötzlich, die Terrorgruppe könne derzeit die Forderung nach einer Liste der lebenden Geiseln nicht erfüllen und benötige zunächst eine Einstellung der Kämpfe, um feststellen zu können, welche Geiseln noch am Leben sind. Die Geiseln seien in den Händen verschiedener Gruppen und es sei der Hamas nicht bekannt, wer wo und in welchem Zustand ist.

Marsch nach Jerusalem

Sharon Avigdori und ihre Tochter Noam sind wieder mit Hen Avigdori und Bruder und Sohn Omer Avigdori vereint, nachdem Sharon und Noam am 25. November 2023 von der Hamas aus der Gefangenschaft in Gaza befreit wurden. (Mit freundlicher Genehmigung der Familie Avigdori)

Am Wochenende waren wieder Tausende Israelis über mehrere Tage nach Jerusalem marschiert, um auf das Schicksal der Geiseln aufmerksam zu machen und ihre Rückkehr zu fordern. Medienberichten zufolge lag die Zahl der Teilnehmer an der letzten Etappe bei etwa 15.000 bis 20.000 Menschen.
Viele der Geiseln, die bereits zurückgekehrt sind, beteiligen sich an den Märschen. Auch ihre Familienangehörigen fordern weiterhin vehement ein Abkommen. Unter ihnen der Drehbuchautor Hen Avigdori, dessen Frau und 12-jährige Tochter, Sharon und Noam Avigdori, während eines Familienbesuchs im Kibbutz Be’eri von Hamas-Terroristen als Geiseln genommen wurden. Obwohl seine Frau und Tochter in dem im November vereinbarten Abkommen zurückgebracht wurden, kämpft Avigdori weiterhin für die vielen in Gaza verbleibenden Geiseln.

Seine Frau und seine Tochter gehen wieder ihren gewohnten Tätigkeiten nach, Sharon Avigdori arbeitet und Tochter Noam geht zur Schule. „Wir sind alle in Therapie“, sagt Avigdori in einem Interview mit der Times of Israel über die vierköpfige Familie, zu der auch der älteste Sohn Omer, 16, gehört.

Aber Avigdori, der seit dem 7. Oktober nicht mehr gearbeitet hat, kann sich nicht einfach von seiner neuen „Familie“ verabschieden, den Familienmitgliedern der Geiseln, die er in den quälenden Wochen nach dem 7. Oktober kennen gelernt hat: „Ich kann nicht zu ihnen sagen: ‚Bis dann, das ist jetzt euer Problem‘. Das ist mein Moralkodex. Wir sind alle im selben Kampf.“

Seit seine Frau und seine Tochter nach Hause gekommen sind, widmet Avigdori seine ganze Zeit dem Geiselforum, das ihn und seine Familie unterstützt hat, und arbeitet vor allem in der Öffentlichkeitsarbeit. Er spricht regelmässig vor Teenager-Gruppen und bei Solidaritätsbesuchen auf dem Geiselplatz in Tel Aviv, trifft sich mit israelischen Unternehmen, um sie in den Kampf einzubeziehen, und geht jede Woche in die Knesset, um mit Gesetzgebern zu sprechen und die Botschaft der Geiselfamilien zu vertreten.

Bei einem vorübergehenden Waffenstillstand im November wurden 105 Geiseln, überwiegend Frauen und Kinder, freigelassen. Zuvor waren bereits vier Geiseln freigelassen worden. Drei Geiseln wurden von den Truppen lebend gerettet, und die Leichen von elf Geiseln wurden geborgen, darunter drei, die vom Militär irrtümlich getötet wurden. Von den 130 verbleibenden Geiseln im Gazastreifen hat die israelische Armee unter Berufung auf neue Erkenntnisse der im Gazastreifen operierenden Truppen den Tod von 31 der noch von der Hamas festgehaltenen Geiseln bestätigt.

Redakteurin Katharina Höftmann Ciobotaru arbeitete im Auslandsbüro der dpa in Tel Aviv und für die WELT ONLINE. Sie lebt als freie Journalistin und Buchautorin in Tel Aviv («Guten Morgen Tel Aviv», «Die letzte Sünde»).

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