MAGAZIN – LEBEN IN ISRAEL

Kommentar: Der Fall Sarah Halimi

in Israel Zwischenzeilen/Leben, Kultur & Sport

Zuerst einmal die grausamen Fakten: Sarah Halimi war pensionierte Ärztin und lebte als einzige Jüdin in einem Sozialbau im Pariser Stadtteil Belleville. Sie hatte bereits seit geraumer Zeit Angst vor einem ihrer Nachbarn, der sie in der Vergangenheit als „dreckige Jüdin“ beschimpft hatte. Es war eben dieser Nachbar, der 27-Jährige Kobili Traoré, ein französischer Immigrant aus Mali, der die 65-Jährige Halimi in einer Nacht im April 2017 zu Tode prügelte und dann aus dem dritten Stock warf. Dabei schrie er laut „Allahu Akbar“. Die von Nachbarn gerufene Polizei stand währenddessen vor der Tür und wartete auf eine Eliteeinheit oder so etwas ähnliches. Ja, sie wartete und hörte von draussen die Schreie und dumpfen Schläge. Nein, sie stürmte nicht in die Wohnung, um Halimi zu helfen.

Das sind die Fakten. Trotz dieser Fakten zögerte die französische Polizei monatelang, den Mord als „antisemitisch“ einzustufen. Vielleicht lag es daran, dass die Stimmung im Land seit den vielen Terroranschlägen 2015 aufgeheizt war, dass vor allem französische Juden bereits in Scharen das Land verliessen, viele Richtung Israel. Doch damit nicht genug: Vor wenigen Tagen hat ein französisches Gericht in oberster Instanz entschieden, dass Traoré wegen des Mordes nicht vor Gericht gestellt würde, er sei infolge von Cannabis- und Alkoholkonsum unzurechnungsfähig gewesen.

Die Familie von Sarah Halimi will sich damit verständlicherweise nicht abfinden: Sie wollen nun vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Strassburg ziehen, um doch noch einen Prozess gegen den Täter zu erreichen. Darüber hinaus werden sie den Fall in Israel vor Gericht bringen, wo israelische Staatsbürger (in dem Fall Halimis Schwester) antisemitische Angriffe auf der ganzen Welt anzeigen können. Selbst im Falle einer Verhandlung in Israel wäre dies aber nur ein schwacher Trost, denn Frankreich liefert seine Bürger nicht aus.

Der Fall Sarah Halimi zeigt auf brutalste Weise, was viele Juden in Frankreich, aber auch in anderen Ländern Europas, seit vielen Jahren spüren: Man redet viel über Antisemitismus, aber dagegen getan wird wenig. Zumindest wenig, was Juden wirklich das Gefühl gibt, in Sicherheit leben zu können. Natürlich, in den vergangenen Tagen sind viele Menschen in Paris und in anderen Städten auf der Welt auf die Strasse gegangen, um gegen die fatale Entscheidung des Gerichts zu protestieren, und ja, unter den protestierenden waren nicht nur jüdische, sondern auch Muslime und Christen. Und sicher ist das eine schöne Geste. Aber weder macht es Sarah Halimi lebendig, noch wird ihr Tod in nur ansatzweise angemessener Weise bestraft. Und das ist nicht nur ein Schlag ins Gesicht für ihre Angehörigen, es ist ein absolut falsches, fatales Signal. Das Signal, dass man im 21. Jahrhundert eine jüdische Frau ermorden darf, ohne dafür bestraft zu werden, wenn man nur high genug war. Das Signal, dass ein Land wie Frankreich seine jüdische Bevölkerung nicht ausreichend schützen kann, weder durch vorbeugende Massnahmen, noch durch harte abschreckende Strafen.

In Israel mag vieles falsch laufen, und das Leben hier ist bei weitem kein Zuckerschlecken, aber ein Fall wie der von Halimi wäre hier komplett anders verhandelt worden. Schon die Polizei, die Presse, die Öffentlichkeit hätten komplett anders darauf reagiert. Und es ist traurig, so unfassbar traurig, dass es mehr und mehr ausschliesslich der jüdische Staat ist, der sich wirklich darum bemüht, Juden zu schützen.

Sarah Halimi starb weil sie Jüdin war (Bild: SIMON WIESENTHAL CENTER).

Weitere Informationen:

Familie von Sarah Halimi klagt in Israel (eng), JPost

Redakteurin Katharina Höftmann Ciobotaru arbeitete im Auslandsbüro der dpa in Tel Aviv und für die WELT ONLINE. Sie lebt als freie Journalistin und Buchautorin in Tel Aviv («Guten Morgen Tel Aviv», «Die letzte Sünde»).

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