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Zivilehe in Israel: Niemand ist für uns zuständig

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In Israel gibt es keine Zivilehe, sondern nur religiöse Eheschliessungen – ein Problem, dass schon seit Jahren immer wieder hitzig diskutiert wird, bedeutet es doch, dass hunderttausende israelische Staatsbürger nicht heiraten können. Jetzt sind es ausgerechnet religiöse Juden, die sich für die Errichtung einer Alternative einsetzen….

Von Katharina Höftmann

Als Enno Raschke und seine Frau Alona heiraten wollten, wussten sie gleich, dass das in Israel nicht möglich sein wird. Er ist ein deutscher Nicht-Jude, sie ist zwar Israelin aber per Halacha keine Jüdin, da nur ihr Vater Jude ist, nicht aber ihre Mutter: „In Israel ist niemand für uns zuständig, es gibt ja nun einmal keine Zivilehe. Also beschlossen wir schnell, dass wir auf Zypern heiraten würden. Das geht einfach und unkompliziert.“ 300 Euro kostet die Eheschliessung auf Israels Nachbarinsel, die mittlerweile zu einer Art Zufluchtsort für all diejenigen Israelis geworden ist, die nicht im Land heiraten dürfen.

660.000 Israelis können nicht in ihrer Heimat heiraten

Nach Angaben der Organisation Hiddush, die sich für jüdischen Pluralismus einsetzt, dürfen etwa 660.000 Israelis nicht in ihrem Heimatland heiraten: Meist, weil sie nicht eindeutig einer Religion angehören (es sind ausschliesslich jüdische, christliche und muslimische Eheschliessungen möglich) oder ihr Partner einer anderen Religion angehört als sie selbst. In vielen Fällen auch, weil sie homosexuell sind oder einen jüdischen Status haben, der die Eheschliessung nicht erlaubt. So dürfen beispielsweise Juden, die der Gruppe der Kohanim (ein Priester im biblischen Sinn) angehören, keine geschiedene oder konvertierte Frau heiraten. Auch Kindern, die eine verheiratete Frau mit einem anderen Mann gezeugt hat, ist es verboten, unter der Rabbanut, der lokalen Amtsstelle des Religionsministeriums, eine Ehe zu schliessen.

Weil sie in Israel nicht heiraten dürfen, haben Enno Raschke und seine Frau Alona eine Zivilehe auf Zypern geschlossen (Bild: Privat).

„Ein normaler Staat kann sich eine Situation, in der zehn bis zwanzig Prozent seiner Bürger nicht heiraten können, nicht leisten“, kommentiert Rabbiner David Stav diese Situation und erklärt, warum sich seine Organisation Tzohar, eine Vereinigung mehrerer hundert zionistisch gesinnter streng religiöser Rabbiner, für eine Zivilehe in Israel einsetzt.

Gemeinsam mit einer Vielzahl von einflussreichen Rabbinern aus dem nationalreligiösen Spektrum soll erstmals eine Kampagne von religiöser Seite aus entwickelt werden, die das Bewusstsein für dieses Problem in der Bevölkerung schärft. Die Hoffnung ist, dass die Politik folgt, sobald sich in der Öffentlichkeit der Wunsch nach einer Zivilehe durchgesetzt hat.

Zivilehe ja, Zivilscheidung nicht möglich

Das einzige Schlupfloch hat Israel seinen betroffenen Bürgern damit gelassen, dass immerhin im Ausland geschlossene Zivilehen in Israel anerkannt werden. Für Raaya Karas und ihren Mann Yuval Shapiro, beides jüdische Israelis, ist nicht einmal das eine Option: „Wir können auch nicht im Ausland heiraten, denn trotzdem würde in Israel im Falle einer Scheidung wiederum das Rabbanut in unser Leben treten.“

Die 40-Jährige und ihr 35-Jähriger Lebensgefährte, Eltern eines zweijährigen Sohnes, haben ihre Partnerschaft eintragen lassen – damit geniessen sie immerhin ähnliche Rechte wie ein verheiratetes Paar. Zufriedenstellend ist diese Lösung für Raaya aber nicht: „Wir führen ein säkulares Leben, es gibt schöne Elemente im Judentum, aber die Rabbiner und das Rabbanut hat mit unseren Vorstellungen gar nichts zu tun. Die Scheidungszeremonie, um den sogenannten ‚Get‘ zu bekommen, ist absurd.“

Raaya und ihr Mann Yuval dürfen zwar in Israel heiraten – aber wollen nicht (Bild: Privat).

Da es in Israel selbst keine Zivilehe gibt, können Scheidungen von jüdischen Ehepaaren (auch wenn sie im Ausland geheiratet haben) nur vom Rabbinergericht vorgenommen werden – diese werden aber immer wieder von Männern verweigert, was zu sehr langwierigen Prozessen führen kann. Denn ohne den sogenannten „Get“ den Scheidebrief, den der Mann der Frau „überreicht“, dürfen jüdische Frauen nicht neu heiraten.

Für die Rabbinerin Nechama Baras, die sich ebenfalls für die Möglichkeit einer Zivilehe einsetzt, gibt es keine Alternative: „Die Frage ist, wie wir unsere Demokratie mit dem Wunsch, traditionelle und jüdische Werte zu erhalten, in Einklang bringen können. Das ist nicht einfach, aber es ist unmöglich, ein System aufrechtzuerhalten, dass nicht allen Bürgern dieses Landes dient. Wir wollen, dass Menschen zur religiösen Ehe kommen (…), weil sie es wollen. Wir brauchen eine Zivilehe, wie in anderen Ländern, in der auch die Scheidungen zivilrechtlich durchgeführt werden können.“

Weitere Informationen:

Religiöse setzen sich für Zivilehe ein (eng), Ynet, 10.03.18

Redakteurin Katharina Höftmann arbeitete im Auslandsbüro der dpa in Tel Aviv und für die WELT ONLINE. Sie lebt als freie Journalistin und Buchautorin in Tel Aviv («Guten Morgen Tel Aviv», «Die letzte Sünde»).

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