Willkommen im Wunderreich der digitalen Schatzsuche

in Israel Zwischenzeilen/Reportagen

Von Jennifer Bligh

Ofer Cohens Augen glitzern aufgeregt, wenn ihm wieder ein Schatz angekündigt wird. „Man glaubt gar nicht, was die Leute für Juwelen in ihren Schubladen haben“, erzählt der Tel Aviver Techniker. Dabei spricht er keineswegs von wortwörtlichen Diamanten, die in roten Samtkästchen zu ihm gebracht werden. Seine Schätze kommen oft staubig und unansehnlich zusammengerollt in verbeulten Aluminiumdosen zu ihm: Ofer Cohen digitalisiert historische acht, 16, und 32 Millimeterfilme, je älter, desto besser. „Und umso spannender“, sagt er. Das Problem vieler Familien sei nämlich, dass sie kaum mehr funktionierende Abspielgeräte für die alten Videoformate hätten und die alten Filme daher oft jahrzehntelang unangetastet in einer Schublade liegen geblieben sind. Wer die Filme bringt, hat oft nur noch eine grobe Ahnung, was auf den Bändern zu sehen sein könnte. Die Bandbreite reicht von Kinderaufnahmen über Alltagsszenen und Geburtstagskränzchen bis hin zu Kriegen.

Ofer Cohen mit einer neuen Sendung alter Filme (Foto: Bligh)
Ofer Cohen mit einer neuen Sendung alter Filme (Foto: Bligh)

Sesam öffne dich

In Ofers Studio gibt es kaum ein Format, das der Sohn einer passionierten Fotografenfamilie nicht abspielen kann. Dafür hat Ofer seine ganz eigene Schatzkammer angelegt: In einem riesigen Raum hinter dem Fotogeschäft seiner Eltern an der belebten Ibn Gvirol Strasse in Tel Aviv besitzt Ofer eine Kollektion, die in jedem Museum eine ganze Abteilung füllen würde: grosse Kästen mit riesigen Spulen, kleine Quadrate mit einlegbaren Kassetten – Technikfans geht das Herz auf, wenn sie die Tür zum Kassettenparadies aufstossen. Wer sich nicht auskennt, denkt, er ist auf einem skurrilen Flohmarkt gelandet: In einem Regal stapeln sich alle möglichen Fotoapparate, Filmkameras, Filmdosen, Alubehälter und Souvenirs. Ofer kann zu jedem Gerät eine Geschichte erzählen: „…. das hier sei seine erste Kamera gewesen, da war er noch nicht einmal in der Schule“, „und diese Technik hier, die gebe es schon lange nicht mehr“, „… da drüben, das Foto, das sei übrigens sein Vater gewesen, als er jung war. Während Ofer in seiner Schatzkammer hantiert, arbeitet sein Vater im Fotogeschäft im vorderen Teil des Gebäudes.

Faszination aus Alt & Neu: Hinter dem Fotogeschäft beginnt das Technikparadies (Foto:Bligh)
Faszination aus Alt & Neu: Hinter dem Fotogeschäft beginnt das Technikparadies (Foto:Bligh)

 

Goldener Schlüssel zu Familiengeschichten

Die alten Kassetten abzuspielen, sei jedoch nur die eine Sache – das digitalisieren und damit mit jedem Computer abspielbar zu machen, sei die Andere, erklärt Ofer. Die Technik dahinter erklärt er vereinfacht so: Jedes Video ist in sogenannte „frames“ unterteilt, also einzelne Bilder. Die werden gescannt. „Wir digitalisieren frame für frame und setzen den Film technisch gesehen so neu zusammen“, erläutert der 47-Jährige. Wer in dem kleinen hochmodernen Studio, das im Kontrast zur historischen Kollektion nebenan steht und still lauscht, hört wie sich das „klack, klack, klack“ der alten Apparate mit dem Surren der modernen Computer vermischt.

 

Die museumsreife Sammlung ist gleich neben der hochmodernen Technik (Foto: Bligh)
Die museumsreife Sammlung ist gleich neben der hochmodernen Technik (Foto: Bligh)

 

Schweizer Erinnerungen

Das nächste Projekt wartet bereits in Aludosen und grossen braunen Din A4 Umschlägen auf Ofer. „Ich baue ein umfangreiches digitales Familienarchiv auf, damit meine Kinder und Enkel bei Interesse jederzeit darauf zu greifen können“, erzählt der Schweizer Danny W., der in Israel lebt. Er investiert daher gerne umgerechnet rund 500 Euro, um die alten Bänder zu digitalisieren. „Es ist ein Schatz, den wir haben“, findet er. Er sehe es als seine Aufgabe, das Wissen zu erhalten. „Viele Familien haben alle Fotos oder Filme im Holocaust verloren“, weiss Danny. Wer in der glücklichen Lage sei, Material zu haben, sollte es seiner Meinung nach bestens für die Zukunft konservieren.

Sein eigenes Familienvideoarchiv beginnt im Jahr 1931: Schweizer Studenten veranstalteten einen der seltenen Dankes-Fackelzüge. Normalerweise wurden die Fackeln als Zeichen des Protestes angezündet. In diesem Fall war es aber zum Dank an Dannys Grossvater Bruno Bloch, einem Dermatologen, der nicht an die Berliner Charité gegangen, sondern in Zürich geblieben ist. Weitere Filme aus den späten 20er und 30er Jahren zeigen Urlaubsreisen und Familienszenen. „Das ist fast einhundert Jahre her, ist das nicht grossartig?“, ruft Danny erfreut. In einem Film spielen seine Mutter und Tante als kleine Mädchen mit deren Vater ein Ballspiel.   Heute ist Danny dankbar, die Bänder noch zu haben. „1974, als wir von der Schweiz nach Israel gezogen sind, stand die Frage im Raum, ob wir die Filme überhaupt mitnehmen sollten“, erinnert sich Danny. Im Kibbutz gab es einen 16 Millimeter Projektor, mit dem die Filme abgespielt werden konnten. Weitsichtig habe er sogar einmal eine Videokamera neben den Projektor gestellt und die Filme auf VHS gebannt. Aber auch dieses Format ist längst überholt. „Das Tolle an den alten Filmen im Vergleich zu Videos ist, dass man nicht vier Stunden Material, sondern drei Minuten hat“, erklärt er. Man musste sich früher genau überlegen, welche Szenen in einem Film bleiben und was überflüssig ist. „Diese Essenz und die Digitalisierung sind die besten Voraussetzungen, dass meine Enkel und deren Kinder daran einmal Freude haben werden“, sagt Danny.

Danny mit alten Familienfilmen (Foto: Bligh)
Danny mit alten Familienfilmen (Foto: Bligh)

Kleines Kino, grosses Kino

Ofer Cohen digitalisiert nicht nur alte Filme für Privatpersonen. Für den aktuellen Dokumentationsfilm über Heinrich Himmler „Der Anständige“ von Vanessa Lapa hat Ofer knapp vier Stunden altes Filmmaterial aus privaten und staatlichen Archiven digitalisiert. „Davon wurden dann rund fünf Minuten verwendet, aber so ist es eben im Filmbusiness“, sagt er. Der Dokumentationsfilm basiert auf alten Filmen und Briefen, die Himmler und seine Ehefrau Marga sich geschrieben hatten.

Filmplakat zu "Der Anständige" (Quelle: Der Anständige)
Filmplakat zu „Der Anständige“ (Quelle: Der Anständige)

Ofer hat die gleiche Begeisterung für die kleine und die grosse Schatzsuche. „Für mich ist es das schönste Gefühl, wenn ich jemandem die digitalisierten Filme zeige und in den Augen ein Leuchten aufgeht, egal ob im Kino oder vor einem privaten Computer“, sagt er. Danny stimmt ihm zu:

„Ich habe die Gesichter von meiner Familie auf den früheren Bändern nie erkennen können, weil sie nicht scharf genug waren“, sagt er erfreut.

Währenddessen hat Ofers aufmerksames Auge etwas entdeckt und er drückt auf den „Pause“ Button. Ein Verwandter von Danny ist im Standbild zu sehen. „Wahnsinn, wie ähnlich ihr euch seht!“, ruft Ofer und blickt abwechselnd auf den Bildschirm und auf Danny. So schliesst sich für beide nicht nur ein kleiner genetischer Familienkreis, sondern vielmehr ein grosses Projekt, das für die nachfolgenden Generationen gesichert ist.