MAGAZIN – LEBEN IN ISRAEL

Das Dilemma aus Schock, Erleichterung und Schuldgefühl

in Israel Zwischenzeilen

Im Reha-Gebäude des Krankenhauses Chaim Sheba (Tel Hashomer) herrscht Hochbetrieb: hunderte Freiwillige haben Schilder und Plakate für die verletzten Soldaten aufgehängt, verteilen Kuchen und Muffins, singen Lieder und bringen stapelweise Bücher an die Krankenbetten. „Wir sind von den vielen Helfern völlig überwältigt und bitten inzwischen schon welche, nach Hause zu gehen“, erzählt Professor Ari Shamiss, Leiter des medizinischen Zentrums. Gerade erst habe er einer Organisation abgesagt, die für die verletzten Soldaten Suppe bringen wollte. „Die Jungs wollen bei dieser Hitze kaltes Wasser und keine heiße Suppe“, sagt Shamiss und muss dabei ein bisschen schmunzeln. Hilfe zu koordinieren sei manchmal nicht ganz einfach.

Im Sheba Krankenhaus werden derzeit 29 verletzte Soldaten und eine in Auseinandersetzungen verletzte palästinensische Familie mit mehreren Kindern  behandelt. „Von den Soldaten sind zehn mittelstark verletzt“, berichtet der Leiter. Alle Verletzungen stammen entweder von Scharfschützen oder von Detonationen in Gaza.

Das Dilemma ist innen und außen

Der 21-jährige Roi liegt mit einer schweren Handverletzung im dritten Stock des Krankenhauses. „Man sagt immer, dass Mütter wissen, wenn ihren Kindern etwas passiert“, erzählt seine Mutter Iris. Bei ihr sei es genauso gewesen. „Als dann der Anruf kam, dass er an der Hand verletzt ist, aber lebt, war ich nur noch erleichtert“, sagt sie. Eine fünfstündige Operation hat die Hand zwar gerettet, aber ob der begeisterte Gitarren- und Schlagzeugspieler jemals wieder musizieren kann, ist fraglich. „Aber er lebt und kann erstmal nicht zurück ins Feld“, sagt Iris. Roi wollte anfangs nicht wahrhaben, dass er nicht an der Seite seiner Kameraden sein kann. „Eine schwierige Situation“, erzählt seine Mutter. Aber inzwischen sehe auch er ein, dass er warten muss, bis seine Hand verheilt ist.

„Als Mutter ist noch eine ganz andere Sache schwierig“, fügt Iris einen weiteren Gedanken hinzu. Wenn sie andere Mütter treffe, deren Söhne jetzt in Gaza sind und anstelle von Roi kämpfen, sei das nicht einfach. „Es ist ein Dilemma, für das wir keine Lösung haben“, sagt sie noch und geht zurück ins Krankenzimmer, vorbei an mindestens zehn Gruppen von Jungs und Mädchen, die Muffins und aufmunternde Schilder entgegenstrecken.

Der Anruf, der vieles ändert

Im ersten Stock des Gebäudes bereitet sich Major Magi Fadulon Derai inzwischen auf den nächsten Anruf vor. Die junge Frau ist der Kopf der Yakar Einheit des israelischen Militärs. „Wir sind diejenigen, die kommunizieren, wenn ein Soldat verletzt oder gefallen ist“, erzählt Fadulon Derai. Sobald ein verletzter Soldat auf dem Weg ins Krankenhaus ist, werden seine Kameraden und Vorgesetzten informiert. Wenn der Soldat bei Bewusstsein ist, ruft er selber die Familie an. Ansonsten übernimmt das jemand der Yakar Einheit mit Hilfe der Kameraden. „Als nächstes organisieren wir die Anfahrt der Familie ins Krankenhaus“, sagt Major Fadulon Derai. Es gehe nicht nur darum, den Soldaten und die Familie anfangs nicht alleine zu lassen, sondern auch weiterhin zu begleiten. „Dazu gehören Fahrten zu Beerdigungen von getöteten Kameraden“, erzählt sie. Der organisatorische Aufwand ist hoch. „Aber ein fester Bestandteil des IDF“.

„Wenn ein Patient zu uns gebracht wird, ist es gleich, welchen Glauben oder Nationalität er hat“, sagt Professor Ari Shamiss. Auf der Kinderkrebsstation sind beispielsweise 18 der 22 kleinen Patienten aus Gaza. „Die können ja nicht einfach zurück“, sagt Dr. Yoram Neuman, Leiter der Station.

Den Medizinern geht es um Leben, nicht um Krieg. Und trotzdem ist die Situation nicht nur medizinisch herausfordernd: „Zur Zeit kämpfen zehn meiner Kollegen in Gaza“, sagt Professor Shamiss. Es ist fast so, als ob er sagen will, wir alle geben unser Bestes, bevor er sich verabschiedet und zurück an die Arbeit geht.

Ein in Gaza verletzter Soldat im Chaim Sheba Krankenhaus (Foto: Jennifer Bligh)
Ein in Gaza verletzter Soldat im Chaim Sheba Krankenhaus (Foto: Jennifer Bligh)

Weitere Informationen

Naomi Feinmesser- 21 Ways to Help Israel:

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