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Schritt für Schritt – Tikkun Olam für eine verbesserte Welt

in Israel Zwischenzeilen/Reportagen

Michael Jackson hätte es nicht schöner singen können. In seinem Hit „Heal The World“ hat der Sänger nicht nur von einer besseren Welt gesprochen, sondern vom Anteil, den jeder dazu beitragen soll. Man kann es wie eine millionenfach gesungene Hymne zu „Tikkun Olam“ verstehen und liegt damit alles andere als falsch.

Von Jennifer Bligh

Das Konzept von Tikkun Olam bedeutet wörtlich „Die Welt reparieren“ oder „verbessern“ – und ist einer der wichtigsten Bausteine im Judentum – allerdings kein exklusiver. Christliche Nächstenliebe oder der buddhistische Friedensansatz gehen in die gleiche Richtung. Trotzdem: „Juden verstehen Tikkun Olam instinktiv“, schreibt Rabbi Elliot N. Dorff in seinem Buch „The Way Into Tikkun Olam: Repairing the World“. Selbst Juden, die weder an Gott noch an die Wichtigkeit von Gott glauben, folgen der Pflicht, diese Welt zu einem besseren Ort zu machen. „Das ist die Essenz davon, jüdisch zu sein“, fasst Dorff zusammen.

Michael Jackson bei einem Besuch der “Tzrifin” Base 1993 in Israel (Foto: Global Jewish News Source)
Michael Jackson bei einem Besuch der “Tzrifin” Base 1993 in Israel (Foto: Global Jewish News Source)

Gemach für Geld, Bohrmaschine und Kinderkleidung

Rabbi Eliezer Izikovitchs Gesicht leuchtet auf, wenn er über Tikkun Olam spricht. „Es gibt so viele Beispiele, man kann Tikkun Olam gar nicht aus unserem Leben wegdenken“, sprudelt der Rabbi der Arachim Organisation heraus. „Tikkun Olam ist das Versprechen, die Welt zu verbessern und zwar als Teil der göttlichen Mission, denn im Judentum verstehen wir uns als Gottes Partner“, sagt Rabbi Eliezer.

Die Idee hinter „Gemach“ (ursprünglich: gegenseitige finanzielle Hilfe) sei aus seiner Sicht ein ausgezeichnetes Beispiel. „Gemach“ bedeutet das Verleihen von Geld oder viel häufiger von Gebrauchsgegenständen. Da Gott nie etwas nehme, sondern nur gebe, sind beispielsweise Zinsen bei finanziellen „Gemach“ nicht akzeptabel, erklärt Eliezer. „Es gibt unter Religiösen sogar eine Art Telefonbuch für ‚Gemach'“, sagt er. Wer beispielsweise jeden Mittwoch zum Supermarkt fährt und Platz im Auto hat, bietet die Mitfahrgelegenheit an. Oder inseriert seine Bohrmaschine. Kinderkleidung, Rasenmäher, Fachwissen – „Gemach“ beinhaltet das Bereitstellen für andere, sowie das Nutzen- und das Zurückbringen. „Gemach“ wird nicht nur in Israel praktiziert, auch beispielsweise in Zürich bieten orthodoxe Juden „Gemach“ an.

Yad Sarah

Im größeren Stil widmet sich Yad Sarah um Tikkun Olam. Yad Sarah begann als Ein-Personen Idee und ist inzwischen zur größten israelischen Freiwilligen-Organisation mit über 6000 Helfern geworden, die sich jährlich im Schnitt um 420 000 Patienten aller Religionen kümmert. Organisationen auf der ganzen Welt haben das Konzept aufgenommen und weitergetragen. In der Schweiz leistet die Freiwilligen- Organisation Tixi-Taxi Transportdienste für Behinderte, in Deutschland organisieren Freiwillige Besuche von Kindergartengruppen für Ältere ohne Enkel. In Israel verleiht Yad Sarah jährlich rund 270 000 medizinische Hilfsmittel, betreibt ein Familiencenter, eine Tages-Reha, Fitnessclubs für Behinderte und diverse soziale Angebote. „Damit können mehr Menschen in ihrem Zuhause wohnen bleiben“, so das Credo. Das ist die persönliche Ebene. Auf nationaler Ebene spart Yad Sarah dem Staat im Jahresdurchschnitt rund 320 Millionen Dollar an Krankenhaus- und Pflegegebühren.

Yad Sarah Mitarbeiter kümmern sich darum, dass auch ältere und an den Rollstuhl gebundene Menschen wählen gehen können - hier auf dem Weg zur Urne (Foto: Yad Sarah)
Yad Sarah Mitarbeiter kümmern sich darum, dass auch ältere und an den Rollstuhl gebundene Menschen wählen gehen können – hier auf dem Weg zur Urne (Foto: Yad Sarah)

Wie schon Michael Jackson gesungen hat „There Are Ways To Get There“ können auch die vielen Freiwilligen aus der ganzen Welt, die seit Jahrzehnten nach Israel kommen und im Kibbutz oder in Altenheimen und Krankenhäusern helfen, als gelebtes Tikkun Olam gesehen werden.

Fortschritt für eine intaktere Welt

Ein anderer Beitrag zur Verbesserung der Welt sind die vielen medizinischen Innovationen aus dem kleinen Start-Up-Land. Etliche Studien belegen, dass Israel gerade im Bereich medizinischer Erfindungen kombiniert mit Hightech an der Weltspitze steht: Von Bewässerungsanlagen über Baby-Atmungs-Überwachungsmonitoren bis hin zu Armbändern, die Krankenhauspersonal ans Händewaschen erinnern – die Welt verbessern komplimentiert das erfinderische Unternehmertum und damit einen ganzen Wirtschaftssektor.

Überwachungsmonitor für Babies: so wird die Gefahr des „Plötzliche Kindstods“ reduziert (Foto: Baby Sense)
Überwachungsmonitor für Babies: so wird die Gefahr des „Plötzliche Kindstods“ reduziert (Foto: Baby Sense)

Das Grundprinzip von Tikkun Olam ist alles andere als neu und kann weit über fünf Jahrhunderte zurück verfolgt werden. Der Akademiker Dr. Lawrence Fine hat die historische Entwicklung der Bedeutung untersucht: Im Originaltext sei mit Tikkun die Reparatur der Göttlichkeit gemeint gewesen. „Tikkun bedeutete die Auflösung der materiellen Welt für eine rein spirituelle Existenz“, so Fine. Aus heutiger Sicht würde das Konzept Tikkun Olam jedoch eher als „reparieren“ verstanden – gesellschaftlich-sozial, politisch oder zwischenmenschlicher Natur.

Tikun Olam gegen Schmerzen

Tikkun Olam ist in Israel auch noch als etwas anderes bekannt: Izhak Cohen, Gründer des ersten und größten medizinischen Cannabis-Anbieters, Tikun Olam, allerdings mit einem k geschrieben, hat das Konzept im Jahr 2005 aus Amerika und Holland nach Israel gebracht. Die ersten vier Jahre wurde Cohens Tikun Olam von der Regierung finanziert, seit 2010 bezahlen die Patienten monatlich 370 Schekel – für die psychologische und medizinische Betreuung, nicht für das Gras. Frauen in Wechseljahren, die unter Angstzuständen leiden, bekommen beispielsweise niedrig dosiertes medizinisches Gras mit unter zwei Prozent THC Anteil, Krebspatienten im Endstadium konsumieren bis zu 20% THC. Die Organisation hat insgesamt 4000 Patienten in Israel. Wer nicht in der Nähe der beiden Ausgabestationen in Safed und Tel Aviv wohnt, wird mit dem Sicherheitsdienst Brinks beliefert.

Für Cohen besteht kein Zweifel, dass medizinisches Cannabis das Leben der Patienten verbessert und damit ein perfektes Beispiel für Tikkun Olam ist. „Es geht nicht ums High, es geht darum, Angst und Schmerzen zu reduzieren“, erklärt er. Denn wenn ein Patient nach seinem Joint, seinen Tropfen, Öl oder Inhalator weniger Angst oder Schmerzen, sondern ein kleines Lächeln auf den Lippen habe, sei wieder ein kleiner Tikkun Olam-Schritt vollbracht. Überreligiös und nicht an Grenzen gebunden, genau wie Michael Jacksons Refrain es zusammenfasst:  „Heal the World, Make it a better Place, For You and for Me And The Entire Human Race.“

 

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