MAGAZIN – LEBEN IN ISRAEL

Die hundefreundlichste Stadt der Welt

in Leben, Kultur & Sport/Reportagen

Letzte Woche sass ich mit zwei Freunden abends in einem Restaurant auf der Ben-Yehuda-Strasse in Tel Aviv. Heiss war es nicht mehr, aber noch immer schön warm und nach einem 30-minütigen Spaziergang lechzten unsere Mäuler nach einem Glas Wasser. Die Kellnerin kam, musterte uns unsorgfältig und fokussierte dann ihren wohl wichtigsten Gast: Meinen Hund. «AAWW!» kreischte sie entzückt. «Ich bringe ihm Wasser…» Und weg war sie. Unsere Mäuler noch immer trocken, unsere Stimmen ungehört, unsere Anwesenheit ignoriert, aber der Hund war bedient.

Wäre ich ein Hund, dann würde ich gerne in Tel Aviv, der sogenannt «hundefreundlichsten Stadt der Welt», leben wollen. Auf ungefähr 400’000 Einwohner kommen in der israelischen Metropole um die 30’000 Hunde. Es gibt fast keinen Ort, wo der Hund nicht rein darf. Vor jedem Laden stehen Wasserschüsseln. In jedem Restaurant bekommt der Hund zuerst seine Streicheleinheiten oder gar ein Leckerli, bevor man als Gast seinen Kaffee bestellen kann. Und wenn ich vor dem Schlafengehen meinen Hund zu seinem bevorzugten Pipibaum führe, dann dauert das nicht selten 15 statt zwei Minuten, weil entzückte Menschen vor ihm auf die Knie fallen und ihn mit Liebe überschütten.

Wie konnte Tel Aviv zu diesem Hunde-Epizentrum werden? Es ist und bleibt ein Mysterium. Dass die Themen Tierschutz und Tierliebe in Tel Aviv gross geschrieben werden, ist bekannt: Die Vegan-Szene ist nirgendwo auf der Welt so aktiv. Zweitens spielt sicher auch der Fakt eine wichtige Rolle, dass sich viele junge Singles in Tel Aviv tummeln: Wer allein ist und sich einsam fühlt, findet in einem Hund einen liebenden Partner. Und drittens macht es die ganze Infrastruktur Tel Avivs für Hundehalter extrem leicht: Wer durch Tel Aviv spaziert trifft immer wieder sogenannte Dogwalker an, die acht Hunde gleichzeitig spazieren führen. Deshalb können sich auch arbeitstätige Tel Avivis ohne schlechtes Gewissen einen Hund anschaffen.

Ja… wäre ich ein Hund, ich würde in Tel Aviv leben wollen. Die Stadt, in der ein «Hundeleben» eine ganz neue Bedeutung erhält.

Ein Dogwalker fährt seine Truppe Gassi. (Bild: Twitter @lvaillard)

Die freie Journalistin Joëlle Weil schreibt für diverse nationale und regionale Zeitungen und Magazine in der Schweiz. Seit 2013 lebt und arbeitet die Zürcherin in Tel Aviv.

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