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Autismus-Zentrum in Israel: Die frühe Diagnose ist entscheidend

in Die Schweiz in Israel/Israel Zwischenzeilen/Medizin & Wissenschaft

Das Mifne-Zentrum in Israel hat sich auf Diagnose und Behandlung von Autismus bei Kleinkindern spezialisiert. Gründerin Dr. Hanna Alonim widerlegte mit ihrer Forschungsarbeit viele Mythen der Erkrankung und entwickelte einen völlig neuen Therapieansatz…

Von Zo Flamenbaum

„Es muss einen anderen Weg geben“, war Dr. Hanna Alonims erster Gedanke als sie sah, wie sechsjährige Kinder, vollgepumpt mit Medikamenten, an ihr Bett fixiert wurden. Es war in den 80er Jahren, als Alonim, die später im Bereich Psychologie promovierte, mit angeblich tauben Kindern arbeitete und was sie vorfand, war verstörend. Umso mehr, als sie herausfand, dass die Kinder keinesfalls taub sondern autistisch waren. Es handelte sich um Kinder, die Informationen einfach anders verarbeiteten, so wie es typisch ist für Autismus; einer komplexen Entwicklungsstörung, die sich in Problemen im sozialen Umgang und der sprachlichen sowie nonverbalen Kommunikation sowie in eingeschränkten, stereotypen und wiederholenden Verhaltensweisen und Interessen zeigt. Alonim begann, sich mit dem Thema ausgiebig zu beschäftigen und ihre Forschungsergebnisse sind bahnbrechend.

Behandlung mit der ganzen Familie

Der erste bekannte Ansatz zur Behandlung von Autismus stammt aus dem Jahr 1943 und sah vor, das Kind aus der Familie zu nehmen. Alonim hingegen argumentiert, dass ein Kind, das Kommunikationsprobleme hatte, seine Familienmitglieder umso mehr brauchen würde. Darüber hinaus beeinflusst eine solche Erkrankung die gesamte Familie, weswegen es entscheidend ist, zu verstehen und zu lernen, wie Eltern eine Beziehung zu ihrem autistischen Kind aufbauen können. In ihrem 1987 in Israel gegründeten Behandlungszentrum „Mifne“ ging Hanna Alonim deshalb einen anderen Weg: Es war das erste Zentrum weltweit, dass die Familie in die Therapie einschloss. Aber nicht nur das, auch das Einstiegsalter für die Therapie lag von Anfang an deutlich niedriger als in vergleichbaren Einrichtungen.

Das Mifne-Zentrum in Rosh Pina in Israel (Bild: Presse).
Das Mifne-Zentrum in Rosh Pina in Israel (Bild: Presse).

Etwa eines von 100 Kindern in Israel wird als autistisch diagnostiziert, in den USA ist es etwa eines von 64 Kindern. Oftmals wird die Diagnose erst gestellt, wenn die Kinder im Alter von 5 bis 6 Jahren sind – zu spät, wenn man Dr. Hanna Alonim fragt. Jahrzehntelange Forschung bestätigten ihre Vermutung: Je jünger ein Kind bei der Diagnose von Autismus ist, desto besser stehen die Chancen auf ein „normales“ Leben. Der jüngste Patient, den Alonim je behandelte, war gerade einmal fünf Monate alt und ist heute ein gesunder und aktiver Teenager. Dass Autismus oft erst viel später diagnostiziert wird, liegt auch daran, dass die Krankheit als unheilbar gilt, weswegen viele Ärzte keine Eile sehen.

Heilungschancen steigen deutlich bei Früherkennung

1997 begann das Forschungsteam am Mifne Zentrum, Experten aus dem Bereich Medizin, Psychologie, Psychotherapie und Familientherapie, eine zehn Jahre dauernde Langzeitstudie mit 110 Familien. Eine der Fragen, die dort an die Eltern gestellt wurde, war: „Wann stellten Sie fest, dass mit ihrem Kind etwas anders ist als mit anderen Kindern?“ Die meisten Eltern gaben an, dass dieser Zeitpunkt etwa um den ersten Geburtstag lag. Das Forscherteam begann, private Videoaufnahmen von Kindern, die mit rund drei Jahren diagnostiziert wurden, zu analysieren. Die Wissenschaftler stellten fest, dass 89 Prozent der Eltern die Symptome ihres Kindes viel später bemerkten, als sie tatsächlich auftraten: Entweder weil sie die Symptome von Autismus nicht kannten oder weil Ärzte ihnen empfahlen, weiter abzuwarten.

Eine zu späte Diagnose der Krankheit wirkt sich jedoch negativ auf das Kind und die ganze Familie aus. Stellen Eltern hingegen bereits im ersten Lebensjahr Symptome fest, ist dies oft die beste Möglichkeit, um die Entwicklungsstörung zu behandeln – und sie parallel zur Hirnentwicklung des Kindes zu beeinflussen. Denn, obwohl sich unser Gehirn kontinuierlich entwickelt und verändert, beeinflussen die ersten zwei Lebensjahre unsere Persönlichkeit und Lernfähigkeiten entscheidend. Bis zum Alter von etwa eineinhalb Jahren können noch viel leichter neue neuronale Strukturen gebildet werden und so zeigen Studien auch, dass ein bis zweijährige Kinder eine Heilungschance von 88 Prozent hatten, während sie bei zwei bis dreijährigen nur noch bei 36 Prozent lag.

Eine Therapeutin im Mifne-Zentrum (Bild: Presse).
Eine Therapeutin im Mifne-Zentrum (Bild: Presse).

Wie aber können Eltern besser einschätzen, ob ihr Kind Anzeichen für Autismus zeigt? Dr. Alonim hat ein Diagnosetool namens ESPASI entwickelt, mit dessen Hilfe die Krankheit bereits im ersten Lebensjahr entdeckt werden kann. Diese 2011 veröffentlichte Skala wird heutzutage nicht nur in Israel sondern auch in Europa und den USA genutzt. Zu den Symptomen gehören u.a. übermässige Passivität (kein Weinen, kaum Bewegungen oder Interesse an Umgebung) oder die Vermeidung von Augenkontakt.

Die Mifne-Methode

Das Mifne-Zentrum im pittoresken Rosh Pina im Norden Israels ist darauf spezialisiert, Kinder bis zum Alter von zwei Jahren sowie ihre Familien zu behandeln. Patienten aus aller Welt sind willkommen. Die dreiwöchige Behandlung konzentriert sich auf die gesamte Bandbreite der kindlichen Entwicklung und nutzt reziproke Spieltherapie, eine Methode die entwickelt wurde, um die kindliche Fähigkeit zu kommunizieren und positiv mit der Umwelt zu interagieren, zu stärken. Bei jeder Behandlung konzentrieren sich mehrere Therapeuten auf ein Kind, das macht den Prozess so intensiv. Ziel ist es, danach Therapiebestandteile in den Alltag der Familie zu integrieren.

Der Beitrag, den Alonim und ihr Team zur Forschung und Behandlung des Mythos‘ Autismus geleistet haben, kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Dr. Hanna Alonim hat es sich zum Ziel gesetzt, die bemerkenswerten Funde auf der ganzen Welt bekannt zu machen. Mit Hilfe der Mifne Swiss Foundation, die 1990 von Dr. Ernst Braunschweig gegründet wurde und deren amtierender Präsident Dr. Eric Teitler ist, konnte bereits ein weiteres Behandlungszentrum in der Schweiz eröffnet werden. Darüber hinaus sind Zentren in den USA, London und Rumänien geplant.

Übersetzung aus dem Englischen von Katharina Höftmann

Israelischer Fernsehbericht über Arbeit des Mifne-Zentrums (englisch)

Weitere Informationen:

Webseite des Mifne-Zentrums (englisch)

Redakteurin Katharina Höftmann arbeitete im Auslandsbüro der dpa in Tel Aviv und für die WELT ONLINE. Sie lebt als freie Journalistin und Buchautorin in Tel Aviv («Guten Morgen Tel Aviv», «Die letzte Sünde»).

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