MAGAZIN – LEBEN IN ISRAEL

Social Business: Perspektive für einen Weg aus der Prostitution

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Auch im Heiligen Land gibt es viele Menschen, die in der Prostitution arbeiten müssen. Der Weg aus dem Milieu hinaus, ist mehr als schwierig. Vor allem wenn es an Alternativen und Perspektiven fehlt. Für diejenigen, die es schaffen wollen,
hat ein Schweizer Pärchen ein beeindruckendes Unternehmen gegründet, dass ihnen die ersten Schritte in einen normalen Alltag erleichtern soll…

Von Katharina Höftmann

Als der Schweizer Matthias Oppliger 2012 zum ersten Mal den heruntergekommenen Süden von Tel Aviv besuchte, war er geschockt: „Damals waren gerade viele Flüchtlinge aus Afrika angekommen. Ich sah dort ein Gesicht von Israel das man nicht kennt und sich so auch nicht vorstellen kann. Da hätte morgens eine tote Prostituierte im Container liegen können und niemanden hätte es interessiert.“ Die Gegend um den zentralen Busbahnhof herum, vor allem aber seine Bewohner, liessen Oppliger nicht los. Der ehemalige Kriminaldetektiv hatte bereits in der Schweiz gemeinsam mit seiner Frau Tabea die Organisation „Glowbalact“ gegründet, deren Ziel es ist, Menschenhandel auf der ganzen Welt zu bekämpfen. Er fing an, sich zu fragen, was man konkret für die Menschen dort tun konnte. Nur kurze Zeit später beschlossen Tabea und Matthias Oppliger gemeinsam mit ihren vier Kindern nach Israel auszuwandern und dass obwohl sie alle nicht-jüdisch sind und damit der Erhalt von Aufenthaltsvisa und die Arbeitsgenehmigungen eine viel grössere Herausforderung darstellten.

Stylische Möbel, die in erster Linie Menschen helfen

Heute, nicht einmal vier Jahre später öffnet Oppliger die Türen zu seinem Geschäft A.I.R. (kurz für „Act, Inspire, Restore“) in der Tel Aviver Shokenstrasse. A.I.R. ist ein Social Business, dessen Ziel es eben nicht nur ist, stylische Möbel für Restaurants und Cafés zu verkaufen, sondern dabei auch noch Menschen zu helfen. „Wir sitzen hier sehr strategisch, viele der etwa 12.000 Sexworker arbeiten in dieser Gegend“, erzählt Matthias Oppliger mit Blick auf die Nachbarschaft, „für sie ist es einfach, zu uns zu kommen, wenn sie Arbeit brauchen. Und unsere Partner wie die Levinsky-Klinik sind ebenfalls in dem Viertel angesiedelt.“

Sechs ehemalige Prostituierte und Stricher sind momentan bei A.I.R. Beschäftigt. Sie arbeiten nicht immer automatisch im handwerklichen Bereich, wenn Oppliger und sein Team merken, dass ein Talent für Buchhaltung oder Verkauf vorhanden ist, wird dies genauso gefördert. Neben Möbeln stellt die Firma neuerdings auch Beutel, Lätzchen und Wickeltaschen aus alten Kites her, die Surfer bei ihnen entsorgen können.

Möbel von A.I.R. In einem Tel Aviver Café (Bild: A.I.R.)
Möbel von A.I.R. In einem Tel Aviver Café (Bild: A.I.R.)

Es wird an grossen, hohen Tischen geschliffen, genäht, und designt – in einem Sprachmix aus Englisch, Russisch, Hebräisch und Schwytzerdütsch. „Für viele ist das hier das erste Mal, das sie an einem Arbeitsplatz mit Kollegen arbeiten, der auch irgendwie auf sie eingeht“, erzählt Oppliger und zeigt unauffällig auf eine etwa 50-Jährige, dunkelhaarige Mitarbeiterin, „Das ist zum Beispiel ist Sarit. Sie konnte noch nicht einmal lesen, als sie zu uns kam. War dauernd nervös und fühlte sich offensichtlich unwohl. Bis wir festgestellt haben, dass sie eine starke Sehschwäche hat.“ Jetzt trägt Sarit eine Brille und fühlt sich an ihrer Nähmaschine, die sie scheinbar wie aus dem Effeff bedient, sichtbar wohl.

Das Unternehmen A.I.R. gibt Menschen eine Perspektive – gerade das Kreieren von konkreten Produkten ist für viele eine völlig neue, tolle Erfahrung (Bild: A.I.R.)
Das Unternehmen A.I.R. gibt Menschen eine Perspektive – gerade das Kreieren von konkreten Produkten ist für viele eine völlig neue, tolle Erfahrung (Bild: A.I.R.)

Sarit ist eine der vielen Erfolgsgeschichten des Projekts, aber annehmen können Oppliger und sein Team nur diejenigen, die schon eine gewisse Ordnung in ihrem Leben wiederhergestellt haben. Sie müssen beispielsweise einen festen Wohnsitz haben und dürfen nicht drogenabhängig sein. Das Ziel des Geschäfts ist es auch nicht, die Leute für immer zu beschäftigen – viel mehr sollen sie ausgebildet werden um dann einfacher in andere, normale Jobs zurückzufinden. Neben der fachlichen Kompetenz erhalten die Angestellten von A.I.R. aber auch eine psychologische Betreuung durch Sozialarbeiter. Oppliger, der aus seiner Zeit als Kriminaldetektiv mit der Menschenhandelsszene vertraut ist, weiss, dass der Ausstieg ein Kraftakt ist.

Prostitution in Israel blüht

Und dass die Prostitution auch im „Heiligen Land“ blüht, zeigt ein neuer Bericht des „Jerusalem Institute of Justice“: Jährlich werden etwa 1,2 Milliarden Schekel in der Sexindustrie umgesetzt. Das durchschnittliche Eintrittsalter für Prostituierte liegt bei 13, 14 Jahren, die meisten wurden bereits in ihrer Kindheit missbraucht und mehr als 60 Prozent erfahren auch in ihrer Arbeit als Prostituierte Vergewaltigungen und sexuellen Missbrauch. Da mehr als die Hälfte aller Dienstleistungen in dieser Branche in Privatwohnungen stattfindet, gibt es kaum Möglichkeiten, das Arbeitsumfeld zu kontrollieren oder gar regulieren. Prostitution ist in Israel legal, wenn auch Menschenhandel, Bordelle und Zuhälterei strafbar ist.

Wie überall ist der Weg aus dem Milieu sehr beschwerlich. Umso wichtiger sind Initiativen wie die von „Glowbalact“. Oppliger hofft, dass er mit seiner Geschäftsidee auch mehr und mehr Investoren überzeugen kann. Und dass das Visum für ihn, seine Frau und ihre drei Kinder verlängert wird, denn der Schweizer ist noch lange nicht fertig damit, Gutes in Israel zu tun.

Matthias und Tabea Oppliger (2. und 3. von links, vorne) mit ihrem Team in der Werkstatt (Bild: A.I.R.)
Matthias und Tabea Oppliger (2. und 3. von links, vorne) mit ihrem Team in der Werkstatt (Bild: A.I.R.)

Weitere Informationen:

Webseite der Organisation Glowbalact
A.I.R. Online-Shop

Redakteurin Katharina Höftmann arbeitete im Auslandsbüro der dpa in Tel Aviv und für die WELT ONLINE. Sie lebt als freie Journalistin und Buchautorin in Tel Aviv («Guten Morgen Tel Aviv», «Die letzte Sünde»).

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