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Israel erlebt „Zugkrise“ und diskutiert Einfluss der ultraorthodoxen Parteien

in Israel Zwischenzeilen/Leben, Kultur & Sport

Wer am Wochenanfang auf der Strecke von Haifa nach Tel Aviv (oder umgekehrt) unterwegs war, musste deutlich mehr Geduld mitbringen als sonst. Da dauerte der Weg von Tel Aviv nach Netanja statt der üblichen 50 Minuten gerne mal drei Stunden. Schuld daran war eine kurzfristige Entscheidung der Regierung, den für Schabbat geplanten Bau an der besagten Zuglinie nach Protesten der ultraorthodoxen Parteien zu verbieten.

Grundsätzlich wird der Schabbat in Israel von allen offiziellen Stellen eingehalten, das heisst, beispielsweise Züge fahren am Samstag nicht. In der Praxis ist es aber so, dass viele Bauarbeiten an offiziellen Einrichtungen seit Jahren an Schabbat durchgeführt werden, auch mit dem Wissen der religiösen Koalitionspartner. In diesem nun eingetretenen Fall hatte die Tatsache, dass Arbeiten an den Bahngleisen am Schabbat durchgeführt wurden, es auf die Titelseite einer der Zeitungen der Ultraorthodoxen geschafft – daraufhin drohten die entsprechenden Parteien mit dem Austritt aus der Koalition, wenn die Arbeiten nicht sofort gestoppt würden.

In letzter Minute gab der Premierminister Benjamin Netanjahu dem Drängen nach und so entstand das totale Chaos am Wochenanfang und hinderte rund 150.000 Reisende an ihrem normalen Tagesablauf. Darunter auch viele Soldaten, die am Sonntag in ihre Basen zurückmüssen und bestraft werden, falls sie dort nicht pünktlich ankommen. Wieviele Menschen deswegen in ihrer Schabbatruhe gestört wurden, weil sie spontan alternative Reisemöglichkeiten für den Sonntag organisieren mussten, ist nicht bekannt. In jedem Fall hat die Entscheidung wieder einmal heftige Diskussionen über den Einfluss der religiösen Parteien ausgelöst.

Kein Zugverkehr zwischen Haifa und Tel Aviv Anfang der Woche (Bild: Alexander Lysyi/Wikimedia).
Kein Zugverkehr zwischen Haifa und Tel Aviv Anfang der Woche (Bild: Alexander Lysyi/Wikimedia).

Weitere Informationen:

Verkehrschaos in Israel (eng), Times of Israel, 04.09.16

Redakteurin Katharina Höftmann arbeitete im Auslandsbüro der dpa in Tel Aviv und für die WELT ONLINE. Sie lebt als freie Journalistin und Buchautorin in Tel Aviv («Guten Morgen Tel Aviv», «Die letzte Sünde»).

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