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Kolumne: Nicht ohne meine Pita

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Mein erstes Mal war eine Katastrophe. Ich ging es völlig überstürzt an. Kam von der falschen Seite. War zu hektisch. Ohne Plan. Mal hier, mal da. Wollte zu viel auf einmal. Und am Ende tropfte es unkontrolliert auf meine Kleidung und ich sah aus wie ein Schwein.

Nein, keine Angst, ich möchte Sie hier nicht mit Details aus meinem frühen Liebesleben belästigen – es geht um eine rein platonische Beziehung, die mit meinem ersten Israel-Besuch begann: Ich und die Pita. Die Pita und ich. Es ist eine Geschichte mit Höhen und Tiefen.

Was aussieht wie eine fliegende Untertasse aus Hefeteig ist nämlich nicht wegzudenken aus der israelischen Küche. Wir Europäer bilden uns ja viel ein auf unser Brot – nicht weniger hochmütig sind Israelis, wenn es um die Beschaffenheit ihrer kleinen Mehl-Platten geht. Als mein Mann und ich noch in Berlin lebten, überraschte ich ihn einst mit einem israelischen Abendessen, zu dem ich natürlich unter anderem Pitot (so heissen die Fladen in der hebräischen Mehrzahl) servierte – gut, er hat sie nicht auf den Teller gespuckt, aber sein Gesicht verriet auch so, was er von der deutschen Version des israelischen Nationalbrots hielt. Ich dachte damals, er übertreibt mal wieder. Aber heute weiss ich, selbst in Israel ist nicht jede Pita des Essens wert. Es war ein langer Weg hierher.

Anfangs versuchte ich noch stoisch an Bekanntem festzuhalten und kaufte Brötchen. Dunkles Brot. Mischbrot. Baguette. Aber es half alles nichts. Denn als Gluten-Liebhaber muss man sich irgendwann eingestehen, wirklich gut, also so richtig gut, schmeckt hier eigentlich nur die Pita. Und ist sie nicht irgendwie auch sinnbildlich für die israelische Gesellschaft? Während auf so eine Brötchen-Hälfte gerade mal eine Scheibe Wurst passt, kann man eine Pita mit den unterschiedlichsten Dingen vollstopfen: Falafel, Bouletten, Schawarma, Ei, Gemüse, Salat, Tahini, Haloumi, Hummus, scharfe und Amba-Sauce. Und während jeder Depp ein Brot essen kann, braucht man, um so einer gefüllten Pita Herr zu werden, ein wenig Geschick und viel Erfahrung. (Der Trick ist, sich langsam von oben und gleichmässig von einer Seite zu anderen vorzuarbeiten und wirklich nie, nie, nie in untere Seiten oder Boden zu beissen)

So eine Pita ist nichts für Anfänger, da will Essen gelernt sein (Bild: Naftali Hilger).
So eine Pita ist nichts für Anfänger, da will Essen gelernt sein (Bild: Naftali Hilger).

Die Pita ist das, was in Israel alles zusammenhält (so denn von guter Qualität), gleichermassen beliebt bei Juden, Moslems, Christen und Atheisten. Sie ist jetzt sogar ein Kunstobjekt: Um ihre Tochter zum Essen zu animieren, hat eine israelische Mutter nämlich begonnen, Portraits von Berühmtheiten auf und mit der Pita zu kreieren, denen mittlerweile eine eigene Ausstellung und eine Instagram-Seite gewidmet sind. Eines ihrer Kunstwerke zeigt beispielsweise Benjamin „Bibi“ Netanjahu, komplett aus Weissmehl. Was für eine Vorstellung: Beim nächsten machterhaltenden Scharmützel könnte man den Premierminister einfach aufessen – und er würde auch noch gut schmecken!

Der Pita-Bibi ist ungefährlich und schmeckt auch noch gut (Bild: Screenshot www.instagram.com/year_of_the_sandwich/)
Der Pita-Bibi ist ungefährlich und schmeckt auch noch gut (Bild: Screenshot www.instagram.com/year_of_the_sandwich/)

Redakteurin Katharina Höftmann arbeitete im Auslandsbüro der dpa in Tel Aviv und für die WELT ONLINE. Sie lebt als freie Journalistin und Buchautorin in Tel Aviv («Guten Morgen Tel Aviv», «Die letzte Sünde»).

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