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Interview mit Star-Dirigent Zubin Mehta: „Ich warte auf den Tag, an dem wir Wagner spielen“

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Der indische Star-Dirigent und musikalische Direktor der israelischen Philharmonie, Zubin Mehta hat gerade seinen 80. Geburtstag gefeiert – Zeit, um mit ihm über seine Arbeit, Träume und das Alter zu sprechen…

Das Interview führte Jennifer Bligh

Gesellschaft Israel-Schweiz (GIS): Sie feiern Ihren 80. Geburtstag, wie geht es Ihnen damit?

Zubin Mehta (ZM): Ich fühle mich überhaupt nicht wie 80! Wir spielen Geburtstagskonzerte in Israel, dann fliege ich für drei Vorstellungen nach Mumbai, danach nach Wien und Berlin. Ich bremse nicht ab…

GIS: Gibt es noch musikalische Träume, die Sie sich erfüllen wollen?

ZM: Die Sache mit Träumen ist doch die: Ich habe mir nie erträumt, dass ich mal hier sein werde, wo ich heute bin. Und doch, 47 Jahre später bin ich der musikalische Direktor des israelischen philharmonischen Orchesters und ich stelle fest, dass ein Traum auf den anderen aufbaut. Mit jeder Stufe, werden die Träume grösser. Da stehe ich heute und das Leben geht noch weiter.

Der Star-Dirigent Zubin Mehta bei der Arbeit (Bild: Oded Antman).

GIS: Nach 47 Jahren bei der israelischen Philharmonie, welches Stück möchten Sie noch dirigieren?

ZM: Ich warte wirklich auf den Tag, an dem wir Wagner spielen!

GIS: Was bedeutet Ihnen Israel?

ZM: Es ist mein drittes Zuhause. Nach Indien und den USA. Ich habe ein Viertel meines Lebens mit dem israelischen Philharmonie-Orchester verbracht. Diese Menschen sind meine adoptierte Familie, vor ihnen, auf meinem Podest, fühle ich mich zu Hause. Selbst wenn die Menschen mit der israelischen Politik nicht übereinstimmen, wir alle können Musik geniessen und das ist gut für das Land.

GIS: Und wie sieht Ihr Verhältnis zum israelischen Publikum aus?

ZM: Ich glaube, das Publikum braucht die Botschaft, die wir von der Bühne senden und das ist auch der Grund, warum ich immer zurückkomme. Wir sagen ihnen, dass wir weitermachen. Selbst während des letzten Gaza-Krieges sind alle gekommen, das Publikum, die Musiker. Wenn ein Raketenalarm losging, haben wir kurz unterbrochen und dann weitergemacht.

Das philharmonische Orchester Israel (Bild: Jennifer Bligh).
Das philharmonische Orchester Israel (Bild: Jennifer Bligh).

GIS: Sie sind ein aktiver Unterstützer der Friedensbewegung – glauben Sie, dass Musik die Menschen aussöhnen kann?

ZM: Versöhnung ist eine schwierige Sache, aber ich glaube ganz fest, dass wir junge Menschen dazu bringen sollten, miteinander zu sprechen – es hängt doch alles von ihnen ab! Sie haben die Chance, etwas zu verändern und dank Facebook und Twitter war es noch nie so einfach, miteinander zu kommunizierten. Wenn beide Seiten Frieden wollen, kann er schon morgen da sein. Aber Leute haben ihre eigene politische Agenda und das ist ein Hindernis.

GIS: Welches Vermächtnis wollen Sie der Welt hinterlassen?

ZM: Ich möchte derjenige sein, der mehr zeitgenössische Musik zum israelischen Philharmonie-Orchester gebracht hat. Obwohl wir für meinen Geschmack immer noch nicht genug spielen. Immerhin ist das Niveau unseres Repertoires sehr hoch. Wenn wir Mahlers erste Symphonie ein einhalb Mal geprobt haben, klingt es bereits, als würden wir eine Woche lang daran arbeiten…

GIS: …Ihr ganzes Leben dreht sich um Musik…

ZM: Musik ist tief in mir verwurzelt, sie ist meine wahre Liebe und das, was mich antreibt. Ich vergesse nie ein Stück, das ich dirigiert habe. Aber jetzt müssen Sie mich entschuldigen, ich muss mich vor meinem grossen Jubiläumskonzert heute Abend ausruhen – immerhin werde ich bald 80!

GIS: Vielen Dank für das Interview.

Zubin Mehta feiert seinen 80. Geburtstag!

Das Leben von Zubin Mehta in ein paar Sätzen…

Zubin Mehta wurde 1936 im damaligen Bombay, Indien geboren. Als Sohn eines berühmten Konzertgeigers, lernte Mehta schon in jungen Jahren europäisch-klassische Musik kennen. Mit 18 Jahren begann er ein Studium an der Wiener Musikakademie und absolvierte seine Dirigentenausbildung bei Hans Swarowsky. Mit Mitte Zwanzig dirigierte er bereits die Wiener und Berliner Philharmoniker. Es folgten u.a. Stationen bei den philharmonischen Orchestern in New York, Montreal und Los Angeles.

Seit 1977 ist Mehta Chefdirigent beim philharmonischen Orchester in Israel, 1981 wurde er zum musikalischen Direktor auf Lebenszeit ernannt. Daneben war er unter anderem von 1998 bis 2006 Generalmusikdirektor an der Bayerischen Staatsoper.

Zubin Mehta beim Interview in Israel (Bild: Jennifer Bligh).
Zubin Mehta beim Interview in Israel (Bild: Jennifer Bligh).

 

Zubin Mehta im Konzert in der Wiener Philharmonie

Redakteurin Katharina Höftmann arbeitete im Auslandsbüro der dpa in Tel Aviv und für die WELT ONLINE. Sie lebt als freie Journalistin und Buchautorin in Tel Aviv («Guten Morgen Tel Aviv», «Die letzte Sünde»).

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