MAGAZIN – LEBEN IN ISRAEL

„Israelis haben wenig Respekt vor Autorität – in der Wissenschaft ist das eine gute Sache“

in Israel Zwischenzeilen/Reportagen

Der Physiker Professor Daniel Zajfman wurde im Jahr 2006 mit 47 Jahren der jüngste Präsident, den das renommierte Weizmann-Institut in Israel jemals hatte. Unter seiner Führung ist das Institut noch exzellenter und internationaler geworden. Wir haben mit Prof. Zajfman über die israelische Wissenschaft und seine Arbeit als Präsident gesprochen…

 

Das Interview führte Katharina Höftmann

 

Gesellschaft Israel-Schweiz (GIS): Israel hat eine beeindruckende Zahl an

Nobelpreisgewinnern vorzuweisen – was ist das Geheimnis des Erfolgs?

 

Prof. Zajfman: Die Freiheit des Denkens. Israelis haben wenig Respekt für Autorität – in der Wissenschaft ist das eine gute Sache. Als Professor will ich keine Studenten, die mich so sehr respektieren, dass sie Angst haben, mir zu widersprechen oder Fragen zu stellen. So entstehen keine neuen Ideen. Dieses ‚Fragen stellen‘ ist schon immer in der jüdischen Kultur verankert und es hilft uns bis heute. Darüber hinaus entscheiden wir beispielsweise bei der Vergabe von Geldern ausschliesslich nach Exzellenz. Man weiss nie, wer etwas entdecken wird und wir verteilen nicht, indem wir schauen, wer was macht, sondern wie etwas getan wird. Im Übrigen glaube ich nicht, dass israelische Wissenschaftler besser oder schlechter sind als andere auf der Welt. Aber sie haben definitiv mehr Freiheiten als viele ihrer Kollegen im Ausland.

 

GIS: Arbeiten kluge Köpfe in Israel eher in der Wissenschaft als zum Beispiel in den USA, wo viele in Bereichen wie Finance landen?

 

Prof. Zajfman: Das war wohl vor einigen Jahren noch so, aber mittlerweile geht es in unserer modernen Gesellschaft doch vor allem ums Geld. Für junge Leute gibt es einfach viele andere, zum Teil neue Bereiche, die ausserdem äusserst spannend sind. Das spüren wir in der Wissenschaft natürlich schon, wenn wir nicht genug Nachwuchs haben, der sich für Mathematik oder Physik interessiert.

 

GIS: Wie bekommt man diese junge Leuten zurück in die Wissenschaft?

 

Prof. Zajfman: Das Weizmann-Institut unternimmt enorme Anstrengungen, um eben diesem Problem zu begegnen. Im Rahmen unserer Initiative „Science Education“ haben wir mehr als 70 Programme, die das Thema Forschung Schülern und der Öffentlichkeit näher bringen. Jedes Jahr sind 50.000 Schüler in diese Programme involviert. Menschen denken, dass Forschung etwas kompliziertes ist, dabei ist es nur eine Frage der Herangehensweise.

 

GIS: Ist der so genannte Brain Drain auch für Israel ein Thema?

 

Prof. Zajfman: Ja und nein. Natürlich, wenn die Leute die Wahl zwischen dem Weizmann-Institut und Boston haben, entscheiden sich die meisten für letzteres. Vor allem der ‚Brain Import‘ ist etwas, an dem wir weiter arbeiten müssen. Die meisten Forscher an unserem Institut sind Israelis. Da fehlt uns ein bisschen die Vielfalt und in 20-30 Jahren könnte das ein ernsthaftes Problem werden.

 

Boykotte töten das kritische Denken

 

GIS: Was tun Sie, um ausländische Forscher für das Weizmann-Institut zu gewinnen?

 

Prof. Zajfman: Wir investieren intensiv in Austauschprogramme. Momentan haben wir etwa 60 ausländische Forscher, aber wir wollen, dass diese Zahl steigt und das tut sie in den letzten Jahren.

 

GIS: Trotz wiederholter Aufrufe zu akademischen Boykotten gegen Israel?

 

Prof. Zajfman: Trotz oder weil, das weiss ich nicht. Zum Glück spüren wir davon bisher wenig. Die Zahl der Wissenschaftler, die bei uns arbeiten wollen, steigt. Und wir haben noch nie eine Absage aus diesem Grund erhalten. Und wirklich: Wissenschaften sind doch die beste Art, miteinander zu kommunizieren. Boykotte töten das kritische Denken.

 

Die Wissenschaft wäre besser, wenn wir mehr Frauen hätten

 

GIS: Auch in der Wissenschaft sind Frauen immer noch unterrepräsentiert, wie geht das Weizmann-Institut mit diesem Problem um?

 

Prof. Zajfman: Zuerst einmal glaube ich, dass die Wissenschaft besser wäre, wenn wir mehr Frauen hätten. Auch hier ist die Vielfältigkeit im Denken, Problemlösen essentiell. Männer und Frauen sind unterschiedlich und sie haben nicht immer die gleichen Bedürfnisse. Für viele Frauen ist nun einmal die Mutterrolle ein grosser Bestandteil ihres Lebens und darauf gehen wir ein, indem wir bessere Bedingungen für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf schaffen. Wenn wir uns die Zahl der Graduierten bei uns anschauen, sind darunter 45 Prozent Frauen. Um in der Wissenschaft Karriere zu machen, muss man aber bereit sein, ins Ausland zu gehen und wenige Frauen wollen ihre Familie solchen Veränderungen aussetzen. Wir unterstützen sie aktiv dabei, damit die Scheu vor dieser Entscheidung sinkt. Von den Frauen, die aus dem Ausland wiederkommen, finden rund 80 Prozent eine Stelle in der Forschung in Israel.

Das Weizmann-Institut in Israel (Bild: Weizmann-Institut)
Das Weizmann-Institut in Israel (Bild: Weizmann-Institut)

 

GIS: Wäre eine Frauenquote eine Option für Sie?

 

Prof. Zajfman: Ich glaube nicht an Quoten. Wir müssen einfach mehr und bessere Möglichkeiten schaffen. Frauen müssen sich in der Wissenschaft willkommen fühlen. Das ist ein schwieriger Prozess, aber wenn wir die Veränderungen nicht erreichen, werden wir ein Problem haben.

 

Die Welt hat der Wissenschaft viel zu verdanken

 

GIS: Das Weizmann-Institut unterhält viele Kooperationen mit Unternehmen wie zum Beispiel mit dem Pharmazeuten Merck. Wie genau sieht der Einfluss der Wissenschaft auf die freie Wirtschaft aus?

 

Prof. Zajfman: Nun, als Forscher mag ich hier parteiisch sein, aber ich glaube, dass die Wissenschaft unsere Gesellschaften nun schon seit mehreren Tausend Jahren unterstützt und fördert. Wo wären wir ohne die Erfindung von Feuer, Elektrizität und so weiter? Die Lebenserwartung der Menschen hat sich in den letzten Jahrzehnten verdoppelt, all das haben wir der Wissenschaft zu verdanken. Und natürlich ist sie auch ein wichtiger Antrieb für die Wirtschaft. Schauen Sie sich die Welt an, natürliche Ressourcen reichen nicht aus, um ein wohlhabendes Land zu werden. Im Gegenteil, Israel ist ein wunderbares Beispiel dafür, wie man mit Bildung Wohlstand schafft.

GIS: In Israel gründen nicht wenige Forscher auch Start-ups. In welchen Bereichen ist das Weizmann-Institut aktuell besonders erfolgreich?

 

Prof. Zajfman: Es gibt einige bahnbrechende Ergebnisse in der Krebsforschung, dort werden viele neue Ideen geboren und wir investieren sehr viel in diesen Bereich. Auch der Bereich ‚Big Data‘, also die Verarbeitung und Nutzung von Massendaten, gewinnt immer mehr an Bedeutung. Und auf dem Feld der Quantenphysik werden Ideen real, die noch vor 20 Jahren unmöglich schienen.

 

GIS: Wie gut fühlen Sie sich von der israelischen Regierung unterstützt?

 

Prof. Zajfman: In den letzten Jahren gab es riesige Investitionen in die höhere Bildung. Ich würde sagen, dass die Finanzierung besser geworden ist und hoffe, dass es so weiter geht. Denn niemand wird Ihnen sagen, dass es jemals genug ist.

 

GIS: Prof. Zajfman, vielen Dank für das Gespräch.

Der Physiker Daniel Zajfman wurde in Belgien geboren und kam Ende der Siebziger Jahre nach Israel, um am Technion zu studieren – heute leitet er das Weizmann-Institut (Bild: Weizmann-Institut).
Der Physiker Daniel Zajfman wurde in Belgien geboren und kam Ende der Siebziger Jahre nach Israel, um am Technion zu studieren – heute leitet er das Weizmann-Institut (Bild: Weizmann-Institut).

 

Weitere Informationen:

Webseite des Weizmann-Instituts (englisch)

 

 

Redakteurin Katharina Höftmann arbeitete im Auslandsbüro der dpa in Tel Aviv und für die WELT ONLINE. Sie lebt als freie Journalistin und Buchautorin in Tel Aviv («Guten Morgen Tel Aviv», «Die letzte Sünde»).

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