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Besuch in Tirat Zvi: Der Kibbuz lebt

in Israel Zwischenzeilen/Reportagen

Tirat Zvi ist einer von 272 Kibbuzim, die es in Israel noch gibt. Gegründet 1937 als religiöser Kibbuz, zeigt Tirat Zvi heute gut, wie sich Tradition und Moderne vereinbaren lassen und warum Kibbuzim in Israel noch lange nicht aus der Mode sind…

Von Katharina Höftmann

Als die israelische Autorin Batya Gur Anfang der Neunziger Jahre einen Kriminalroman veröffentlichte, in dem eine junge Frau im Kibbuz umgebracht wurde, löste das eine heftige Diskussion unter ihren Lesern aus: Ein Mord im Kibbuz, in diesem engmaschigen Kollektiv, gekennzeichnet von Solidarität und Gemeinschaftssinn, konnte sich damals niemand vorstellen. Heutzutage würde das gleiche Thema höchstens noch ein Schulterzucken bei den meisten Israelis hervorrufen.

Kibbuzim waren das Fundament des Staates

Die Kibbuzim, dieses ambitionierte jüdisch-zionistische Projekt, das um 1910 entstand, waren mit ihrer Philosophie der Basisdemokratie, Gemeineigentum und Gleichberechtigung ein wichtiges Fundament des israelischen Staates. Das Land für die Kibbuzim kauften die Gründer oft Beduinen ab, die keine Verwendung für die meist schlechten Böden hatten. Angriffe von arabischen Milizen gab es trotzdem, so dass viele Kibbuzim buchstäblich über Nacht errichtet wurden, damit sie am nächsten Morgen fertig waren und verteidigt werden konnten. Im Zentrum stand meist ein Wachturm.

Kinder im Kibbuz Tirat Zvi 1943 (Bild: www.zionistarchives.org.il).
Kinder im Kibbuz Tirat Zvi 1943 (Bild: www.zionistarchives.org.il).

Die Dörfer, deren Gemeinschaftssinn anfangs soweit ging, das man sogar Unterwäsche teilte, sind auch heute noch Anknüpfungspunkte für Neuankömmlinge und Freiwillige, die im Kibbuz anpacken, Hebräisch lernen aber vor allem Israel erfahren können. Doch mit der Entwicklung des Staates Israel zur High-Tech-Nation, die er heute ist, wurde der Kibbuz für viele Israelis immer unattraktiver: Unentgeltliche Arbeitsleistungen für das Kollektiv, Kinderhäuser, in denen Kinder ohne ihre Eltern erzogen wurden und ein Rotationsprinzip für die Besetzung von Arbeitsstellen und wichtigen Verwaltungspositionen schienen auf einmal so sehr aus der Zeit gefallen zu sein, wie Israel kein Agrarstaat mehr war. Viele Kibbuzim mussten sich radikal reformieren, bei manchen ging das soweit, dass man sie heute von einem normalen Vorort nicht mehr unterscheiden kann.

Jugendliche Feldarbeiter in Tirat Zvi (Bild: KH).
Jugendliche Feldarbeiter in Tirat Zvi (Bild: KH).

Tirat Zvi ist einer von 272 Kibbuzim, die es noch in Israel gibt. In einer malerischen Kulisse, zwischen dem Jordan und dem Gilboa-Gebirge liegt das 1937 von deutschen, polnischen und rumänischen Juden gegründete Dorf. 1.200 Bewohner hat Tirat Zvi heute. Menschen, die allesamt entweder in den Kibbuz „hineingeboren“ wurden oder den strengen Fragebogen mit psychologischem Test bestanden haben.

Der erste religiöse Kibbuz

Tirat Zvi, was übersetzt „Das Schloss von Zvi“ bedeutet und damit den Rabbiner und Talmudgelehrten Zvi Hirsch Kalischer ehrt, ist ein klassischer Kibbuz aus dem Bilderbuch und ist es doch auch nicht. Anders als viele Gemeinschaften sozialistischer Zionisten, bekannte sich Tirat Zvi von Anfang an zur Religiosität und war damit der erste koschere Kibbuz, in dem der Schabbat eingehalten wurde. Ein Element, das heute, wo Kibbuzmitglieder Gehälter erhalten und Familien abends in ihren eigenen vier Wänden und nicht im Speisesaal essen, immer noch ein wichtiges Verbindungsglied ist. Außerdem findet man im ganzen Kibbuz keine einzige Kuh – außerordentlich wichtig für die israelische Landwirtschaft ist Tirat Zvi aber trotzdem.

Blick über die Dattel-Plantagen von Tirat Zvi (Bild: Jacques Korolnyk).
Blick über die Dattel-Plantagen von Tirat Zvi (Bild: Jacques Korolnyk).

Denn hier, in dem heißesten Ort Israels, stehen die größten Dattel-Plantagen des Landes. Rund 23.000 Bäume liefern 1.500 Tonnen im Jahr, von denen ein großer Teil, vor allem der beliebten Sorte „Medjoul“, exportiert wird. Zwar werden die Früchte heute nicht mehr von Kibbuzniks, sondern von Thailändern und Eritreern geerntet und von arabischen Frauen aus der Gegend sortiert – aber die Verwaltung besteht immer noch ausschliesslich aus Mitgliedern. So wie der Chef der Dattelernte Avner Rotem, der zwar im Kibbuz nebenan aufgewachsen ist, aber durch seine Frau nach Tirat Zvi kam. Oder Mendy Neeman, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, Touristen in seinen Kibbuz zu bringen und ihnen das echte Israel zu zeigen.

Ideales Klima für Dattelanbau

Wenn man mit ihnen durch die Lager- und Verpackungsräume geht – in welche die Datteln nach der Ernte kommen, bevor sie in schicken Verpackungen in Kaufhäuser wie Marks & Spencer nach London geschickt werden – spürt man die Liebe zur Landwirtschaft des Kibbuz‘ sehr deutlich: „Tirat Zvi bietet das ideale Klima für Datteln. Viele unserer Waren werden von muslimischen Kunden im Ausland gekauft. Auch in Israel bauen viele Araber Datteln an – aber während sie rund 50 Kilo pro Baum ernten, kommen wir auf 300“, erklärt Neeman nicht ohne stolz.

Mendy Freeman vor dem Speisesaal des Kibbuz Tirat Zvi (Bild: KH).
Mendy Neeman vor dem Speisesaal des Kibbuz Tirat Zvi (Bild: KH).

Das Geheimnis sind Wissen, Erfahrung und Technologie, aber auch ein „Aufwachsen“ mit den Produkten. Erntemanager Avner Rotem hat schon mit 12 Jahren bei der Dattelernte geholfen. Und auch heute kann man in Tirat Zvi auf dem Feld junge Männer sehen, die beim Aussähen der Blumen helfen: „Wir fangen morgens um 7.30 Uhr an, auf dem Feld zu arbeiten. Bis um 12, dann essen wir Mittag und erst dann gehen wir in die Schule“, erzählt einer der Jungs, die zwischen 14 und 18 Jahre alt sind und das Internat in Tirat Zvi besuchen. Insgesamt exportiert der Kibbuz 600.000 Blumen pro Jahr. Die meisten gehen direkt an die Börse in Holland. Man versucht so zu ernten, dass man Feiertage abpasst. Die Schwertlilien, die gerade gepflanzt werden, sollen in Europa rechtzeitig zum Valentinstag ankommen.

Tirat Zvi scheint den Spagat zwischen Tradition und Moderne geschafft zu haben, vielleicht muss sich der Kibbuz auch deshalb nicht so viele Sorgen um den Nachwuchs machen. Und dann ist da ja noch der Speisesaal, der zumindest mittags proppenvoll ist – dafür gibt es laut Mendy Neeman einen guten Grund: „Das wissen alle Kibbuze in unserer Gegend, wenn man gut essen will, kommt man nach Tirat Zvi!“

Kinder bei der Blumenernte in Tirat Zvi (Bild: Mendy Freeman).
Kinder bei der Blumenernte in Tirat Zvi (Bild: Mendy Neeman).
Datteln in Tirat Zvi (Bild: KH).
Datteln in Tirat Zvi (Bild: KH).

Weitere Informationen:

Webseite des Kibbuz‘ (englisch)

 

 

 

 

 

 

 

 

Redakteurin Katharina Höftmann arbeitete im Auslandsbüro der dpa in Tel Aviv und für die WELT ONLINE. Sie lebt als freie Journalistin und Buchautorin in Tel Aviv («Guten Morgen Tel Aviv», «Die letzte Sünde»).

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