MAGAZIN – LEBEN IN ISRAEL

‚Volkswagen Felix‘ in Tel Aviv

in Israel Zwischenzeilen/Reportagen

Felix Burian hat einen Meilenstein in der Geschichte deutscher Produkte in Israel gesetzt – oder besser gesagt, ins Rollen gebracht: Fünf Jahre vor Beginn der offiziellen diplomatischen Beziehungen hat der gebürtige Österreicher die erste Volkswagen-Servicewerkstatt in Tel Aviv eröffnet. Heute lebt er mit seiner Frau Netty in einem Vorort von Tel Aviv – und blickt auf ein reiches Leben aus Autos und Archäologie zurück…

Von Jennifer Bligh

Es sind diese Hände, die die Geschichte von ganz alleine erzählen könnten. Jede kleine Falte hat ihre eigene Anekdote, nur die gepflegten Fingernägel passen nicht mehr zu Motoröl, Gewindeschmiere und was es sonst noch so im Leben von passionierten Automechanikern gibt. Dabei wusste der 1922 geborene Wiener nie, was er antworten sollte, als man ihn fragte, was er später mal werden will: Automechaniker oder Archäologe. Das Leben entschied es für ihn; 1938 änderte sich eigentlich alles im Leben der wohlsituierten Familie Burian: ein Neuanfang im damaligen Britischen Mandatsgebiet, auf der letzten Etappe der Schiffsreise war so ziemlich alles verloren oder gestohlen worden, was wertvoll war. Inklusive der Pässe.

Felix Burian eröffnete die erste VW-Werkstatt in Israel (Bild: Jennifer Bligh)
Felix Burian eröffnete die erste VW-Werkstatt in Israel (Bild: Jennifer Bligh)

„Wir waren anfangs richtiggehend illegal hier“, erinnert sich Burian. Die ersten Nächte verbrachte die Familie getrennt bei Familien, die Neuankömmlinge für eine Nacht aufnahmen. „Ich erinnere mich noch genau an die erste Mahlzeit, die ich hier bekommen habe – geräucherter Fisch und später Halvabrot“, erzählt der Wiener. Jeden Tag stand er mit seinen Eltern vor Cafes in Tel Aviv, um Nachrichten aus Deutschland zu hören. „Ich glaube, dass damals die Russen auf Deutsch gesendet haben“, sagt Burian und erzählt, dass seine Eltern kein Hebräisch konnten und es auch nie richtig lernten. Brauchten sie auch nicht – im jungen Israel gab es genügend ‚Jeckes‘ und in Felix Erinnerung war Deutsch auch nicht verpönt. Weder auf der Strasse – noch bei der Arbeit.

Motorenöl auf der Scheinkin-Strasse

Allerdings wurde der Beruf des Vaters, ein Kürschner, im Heiligen Land nicht benötigt – und so ging Felix früh in die Lehre. Angenommen hatten ihn zwei deutsche Automechaniker, die wie so viele andere eine kleine Garage an der Scheinkin-Strasse in Tel Aviv betrieben. „Wir haben nur deutsch gesprochen, die Kunden waren deutsch und die Autos auch fast ausschliesslich“, erinnert sich Burian zurück. Nach drei Jahren Lehrzeit („Ich habe alles Geld meiner Mutter abgegeben“) hat er sich 1946 selbstständig gemacht, mit Kredit und einer Werkstatt, die gerade mal für zwei Autos gross genug war. Am 28. August 1947 heiratet er seine Freundin Netty, und wird bald darauf Vater.

Netty Burian (Bild: Jennifer Bligh).
Netty Burian (Bild: Jennifer Bligh).

Doch die eigene Garage bedeutete nicht nur mehr Verantwortung, sondern auch einen weiteren Schritt weg vom Archäologiestudium. Archäologie hat Felix dafür ab 1952 zu seinem wichtigsten Hobby gemacht: 95% seiner prähistorischen Fundstücke stammen aus über 70 neu entdeckten Ausgrabungsorten in Israel. Er ist um die ganze Welt gereist, bis nach Papua Neuguinea, um zu lernen und zu tauschen, und Schatz für Schatz zurück nach Israel zu bringen. Erst in sein grosses Haus, das nach und nach zum beeindruckenden Ausstellungsraum wurde – inzwischen ist seine riesige Sammlung im Tefen Museum im Norden Israels ausgestellt, zu Hause sind heute nur noch wenige Lieblingsstücke in den Glasvitrinen.

Geht nicht, gibt’s nicht

Felix erste Werkstatt wurde jedoch schnell zu klein, Burians präzise Arbeit wurde geschätzt. „Wir arbeiteten oft auf den Trottoirs davor“, erinnert sich Burian lachend an die Anfangsjahre. Zusammen mit zwei Kompagnons, einem Mechaniker und einem Dreher, konnte er die gesamte Erfahrung aus den Kriegsjahren anwenden, als es weder genügend Ersatzteile noch Material gab. Geht nicht, gab‘s nicht. „Wir haben beispielsweise geplatzte Motoren mit Kupferstiften repariert, die ein Gewinde hatten, das hat die nächsten dreissig Jahre gehalten“, erzählt Felix Burian. Spezialisiert war das Team auf deutsche Marken.

Burians Werkstatt und Autohaus in Tel Aviv, 1960 (Bild: JB, von alter Fotografie)
Burians Werkstatt und Autohaus in Tel Aviv, 1960 (Bild: JB, von alter Fotografie)

Doch dann kam der Unabhängigkeitskrieg und Felix tauschte sein Arbeitsgewand – er arbeitete als Mechaniker in einer Militärgrossgarage, glücklicherweise gleich ums Eck von seiner eigenen Werkstatt. „Den anderen Militär-Technikern ist um vier Uhr der Schlüssel aus der Hand gefallen, so konnte ich nach Schichtende in meine eigene Werkstatt gehen und meine Kunden weiter bedienen“, erinnert er sich. Ausserdem hatte er sich einen Angestellten genommen, damit die eigene Werkstatt auch tagsüber soweit möglich offen sein konnte.

Die Drei von der Werkstatt

Burian ist ein weiser Geschäftsmann, daran besteht kein Zweifel. Langsam aber stetig kommt sein Betrieb über die Jahre an seine Grenzen. Eines Tages, als die drei Mechaniker gerade wieder mal ein Lastwagen- Getriebe auf dem Trottoir einbauen, weil innen nicht genügend Platz war, hat Felix eine Eingebung: „Wir müssen für die Zukunft vorsorgen.“ Als er hört, dass VW einen Servicebetrieb in Israel aufmachen will, ist er interessiert. „Ich hatte aber keine Zeit dort vorzusprechen, wir hatten doch so viel zu tun“, erinnert er sich und murmelt „Peinlich“. Allerdings schreckte ihn auch ab, dass man für Volkswagen Spezialwerkzeuge brauchte, die schwierig zu bekommen waren. Letzten Endes ging er doch beim zukünftigen Importeur vorbei. Der zeigte sich beeindruckt – vor allem von der selbstgebauten hydraulischen Presse in Burians Werkstatt. „Wenn mein Vorgesetzter es gestattet, werde ich Sie nehmen“, ist das Fazit.

Herr und Frau Volkswagen Felix

1960 ist es soweit, fünf Jahre vor dem offiziellen Beginn der diplomatischen Beziehungen zwischen Israel und Deutschland eröffnet Volkswagen seine erste Niederlassung in Israel. Bestseller werden der VW Käfer, später Passat, Golf und Transporter. Burian repariert nicht nur, er verkauft auch, sein grosses Geschäft an der Verbindungsstrasse zwischen Tel Aviv und Petach Tikwa ist mit „Volkswagen Felix“ in Deutsch und Hebräisch überschrieben. Seine Frau Netty arbeitet im Büro mit, wird von allen aber nur ‚Frau Felix‘ gerufen. 1962 reisen ‚Herr und Frau Felix‘ das erste Mal nach Wolfsburg. „Na, ich wollte doch mal sehen, wo die Brötchen herkommen“, erzählt Burian grinsend.

Burian und sein eigener VW in den 50er Jahren (Bild: JB, von alter Fotografie).
Burian und sein eigener VW in den 50er Jahren (Bild: JB, von alter Fotografie).

Die Brötchen aus Wolfsburg bekommen treue Anhänger. VW wird in Israel zum grossen Importeur und Arbeitgeber: aus 3000 verkauften Autos im Jahr 1963 wird eine stabile Partnerschaft von über fünfzig Jahren. Gerade hat VW Ankäufe in Höhe von 30 Millionen Euro von 19 israelischen Fabriken besiegelt. Und Felix Burian? Fährt kein Auto mehr, sondern geniesst die Wiener Küche, die Frau Felix für ihn zubereitet und sieht sich gerne die alten Fotoalben an – eines mit VW Fotos und eines mit Archäologiefotos.

Alte VW-Werbung aus den 60er Jahren (Bild: JB, von alter Fotografie).
Alte VW-Werbung aus den 60er Jahren (Bild: JB, von alter Fotografie).

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