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Haifa: Meer, Berge und eine Stadt voller Überraschungen

in Israel Zwischenzeilen/Reportagen

Das Tollste an Haifa? Die Strasse nach Tel Aviv. Dieser alte Witz, immer noch gern zitiert, wenn es um die Stadt am Fusse des Carmel-Gebirges geht, liegt heute weit entfernt von der Wahrheit. Haifa blüht. Und dass nicht nur, weil es die einzige grosse Stadt in Israel ist, in der Juden und Araber wirklich harmonisch zusammenleben. Wir nehmen Sie mit, auf einen Spaziergang durch die Perle am Mittelmeer…

Von Katharina Höftmann

Unser Spaziergang beginnt dort, wo Haifa noch die Arbeiterstadt ist, für die sie der Rest des Landes hält: im Hafen. Denn, wie heisst es so schön? Tel Aviv feiert, Jerusalem betet und Haifa arbeitet. Und arbeiten tut Haifa wirklich. Übrigens nicht nur im Hafen, sondern auch im grossen High-Tech-Zentrum Matam, in dem sich u.a. Büros und Forschungszentren von Intel, IBM, Microsoft, Motorola, Google, Yahoo! und Philips befinden. Dazu kommen natürlich die vielen Studenten und Mitarbeiter des renommierten Technions und der Haifa-Universität. Gerade im Vergleich zu den anderen beiden grossen israelischen Städten, geht das strebsame Haifa vor lauter Arbeit jedoch manchmal geradezu unter. Seitdem im Hafen immer weniger Kreuzfahrtschiffe anlegen, müssen Touristen gezielt in die Metropole im Norden kommen. Gründe für einen Besuch der knapp 280.000 Einwohner zählenden Stadt gibt es genug. Der erste ist das einzigartige Hafenquartier.

Downtown Haifa – voller Kontraste und Diversität (Bild: Katharina Höftmann).
Downtown Haifa – voller Kontraste und Diversität (Bild: Katharina Höftmann).

Zwischen düster aussehenden Lagerhallen und eklektischen Bauten liegt hier ein Viertel, von dem Tel Aviv und Jerusalem nur träumen können. Echte Diversität – die das manchmal wie Disneyland anmutende Jaffa alt aussehen lässt – existiert hier auf eine harmonische Weise, die im umkämpften Jerusalem nicht möglich wäre. Ja, ganz Israel ist ein Melting Pot, aber oftmals leben die vielen verschiedenen Gruppen nebeneinander und nicht miteinander. In Haifa dagegen, beobachtet man auf Schulhöfen einen bunten Mix. Innerhalb weniger Minuten passiert man verschiedene Weltreligionen und zwischen aramäischen Kirchen, Synagogen und Minaretten tobt das Leben. Hier der jüdische Antiquitätenhändler, da der arabische Schawarma-Mann, ein paar Schritte weiter die russische Kosmetik-Verkäuferin. Wir sind mitten in Haifa Downtown.

In den 90er Jahre vor allem für seine Diskotheken und Bordells bekannt, soll das Viertel mithilfe einer Initiative der Stadt nun auch für eine breite Masse attraktiv werden. Ausgangspunkt der Initiative war es, den unzähligen Studenten der Technion- und Haifa-Universität preiswerteren Wohnraum anzubieten. Aber kaum jemand wollte in der Schmuddel-Ecke der drittgrössten Stadt Israels leben. Erst als der preiswerte Wohnraum immer mehr Künstler und Alternative anzog, setzte sich langsam etwas in Bewegung, was heute auch für Besucher spürbar ist: Kleine Nobelboutiquen liegen nun Tür an Tür mit alteingesessenen Kiosken, ein neuer spannender Mix und eine Veränderung, die nicht so brachial daher kommt wie die Gentrifizierung, die man aus anderen Städten kennt. Immerhin liegen die Mieten in Downtown immer noch weit unter dem Stadtdurchschnitt.

Hybrid-Busse und die einzige U-Bahn Israels – Haifas Nahverkehr beeindruckt

Dass Haifa auch teuer und eleganter sein kann, zeigt sich, wenn man die Karmelit (übrigens die einzige U-Bahn Israels) vom Paris Square zum Gan HaEm nimmt. Noch etwas, was Haifa allen anderen israelischen Städten voraus hat: Ein moderner, funktionierender Nahverkehr, der vor allem mit seinen neuen Hybrid-Bussen Metronit, die auf eigenen Spuren selbst Samstags fahren, beeindruckt. Oben ausgestiegen, liegen die Viertel Ahuza, Denya, Kababir und Merkaz HaKarmel vor einem. Grüne Gärten, gemütliche Cafés und viele Berge und Hügel prägen diese Nachbarschaften. Mit dem japanischen Museum hat sich hier oben auch eine kleine Überraschung versteckt, von der immer noch viel zu wenig Besucher wissen. Wenn man die aufgeräumten, leeren Strassen (aufgrund der zum Teil recht steilen Hügel spazieren hier nicht all zuviele Menschen) entlangläuft, präsentiert sich hier und da ausserdem ein atemberaubender Blick über die Küste oder das Karmel-Gebirge.

Hinter dem japanischen Museum: Blick über Haifa bis nach Akko (Bild: KH).
Hinter dem japanischen Museum: Blick über Haifa bis nach Akko (Bild: KH).

Der König der Aussichtspunkte jedoch befindet sich auf der Yefe Nof Strasse. Bei gutem Wetter kann man hier nicht nur die Kreuzfahrerfestung von Akko sehen, sondern hat vor allem einen fantastischen Blick auf die hängenden Gärten der Bahai. Auch das eine weitere kleine Überraschung, die Haifa im Petto hat – denn wer vermutet hier schon das religiöse Zentrum einer monotheistischen Gruppe, die ihren Ursprung im Iran hat? Zwar leben die knapp acht Millionen Anhänger des Bahaitum heutzutage vor allem in Indien, Afrika, Iran und den USA, aber hier in Haifa liegt ihr administratives und geistiges Weltzentrum.

Entspannte Menschen unter dem Radar des Massen-Tourismus

Wer die Bahai-Gärten herunterläuft (nur ein kleiner Teil der Anlage darf betreten werden), kommt irgendwann in der deutschen Kolonie an – dem Ausgeh-Zentrum mit vielen Restaurants und Bars. Und hier treffen sich nun wirklich alle Haifaner – ob arabisch oder jüdisch, ob muslimisch oder christlich. Ob arm oder reich. Dass Menschen, die in Haifa leben, vor allem entspannt sind, kann man in den vielen, oftmals orientalischen, Restaurants der alten Templer-Häuser am besten beobachten. Haifas Bewohner wissen, dass sie sich noch unter dem Radar des Massen-Tourismus und anstrengend-neurotischer Hipster befinden. Und trotz aller Sehenswürdigkeiten, hat man auch als Besucher das Gefühl, das die Stadt erst in den nächsten Jahren ihr volles Potential entfalten wird. Nachdem 2009 das erste Mal seit 15 Jahren ein Bevölkerungszuwachs verzeichnet werden konnte, soll die Bevölkerung bis zum Jahr 2025 um weitere 60.000 Menschen ansteigen. Der Ausbau bestehender und neuer Viertel sowie neue Geschäftszentren sollen diese Entwicklung fördern.

Blick über die Hängenden Gärten der Bahai und die deutsche Kolonie (Bild: Wikipedia).
Blick über die Hängenden Gärten der Bahai und die deutsche Kolonie (Bild: Wikipedia).

Inwiefern diese Pläne Haifa zum Positiven verändern werden, wird man sehen. Im Haifa von heute geht auf jeden Fall ein wundervoller Tag zu Ende. Mitten auf dem Ben-Gurion-Boulevard schauen wir uns noch einmal um. Vor uns liegt das Meer, hinter uns der Karmel und die Bahai-Gärten. Links taucht die Abendsonne die hohen Kräne des Hafens in ein sanftes Licht. Für heute hat Haifa genug gearbeitet und morgen ist auch noch ein Tag in dieser wunderschönen Stadt zwischen Bergen und Meer.

 

Weitere Informationen:

Übersicht über Haifa Downtown (englisch)

Informationen über Haifa und seine Sehenswürdigkeiten (englisch), Go Israel

 

 

 

 

Redakteurin Katharina Höftmann arbeitete im Auslandsbüro der dpa in Tel Aviv und für die WELT ONLINE. Sie lebt als freie Journalistin und Buchautorin in Tel Aviv («Guten Morgen Tel Aviv», «Die letzte Sünde»).

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