MAGAZIN – LEBEN IN ISRAEL

Monatsreport: „Man muss die Architektur in Tel Aviv und ganz Israel erst einmal verstehen lernen“

in Israel Zwischenzeilen/Reportagen

Sharon Golan Yaron ist als Architektin im Denkmalamt der Stadtverwaltung Tel Aviv tätig. Durch ihre Arbeit konnten schon viele Bauhaus-Gebäude in neuem Glanz erstrahlen – für sie ist Israel ein Land mit unglaublich spannender Architektur, die sich vielleicht nicht jedem gleich erschliesst, aber dafür höhere Ziele repräsentiert…

Das Gespräch führte Katharina Höftmann

Zwischenzeilen: Sie sind als Architektin für den Denkmalschutz der Tel Aviver Stadtverwaltung zuständig – können Sie mir ein wenig mehr über Ihre Arbeit erzählen?

Sharon Golan Yaron: Ich kümmere mich in meiner Position um das gesamte Kulturerbe. Neben dem denkmalgeschützten Bauhausstil finden wir in Tel Aviv auch frühere Architekturstile wie den eklektischen und arabischen. Darüber hinaus Gegenden wie das Templerviertel Sarona und jetzt langsam gewinnt auch das, was man in Deutschland als Nachkriegsarchitektur kennt, an Bedeutung. Also vor allem Betonbauten aus den 50er Jahren aus der Ära des Brutalismus.

ZZ: In TLV gibt es rund 4.000 Bauhaus-Gebäude, die Stadt wurde 2003 ins UNESCO-Weltkulturerbe aufgenommen – was hat sich seitdem verändert? Wie steht es heute um die Bauhaus-Gebäude in der Stadt?

Golan Yaron: Nach der Verleihung hat die Stadt gemeinsam mit der UNESCO begonnen, einen Denkmalschutz-Plan zu entwickeln. Das war ein sehr kompliziertes Unterfangen, weil man erst einmal verstehen musste, was überhaupt die genauen Anforderungen sind. Dieser Plan wurde erst vor drei Jahren fertiggestellt und erlaubt den Eigentümern, im Gegenzug für eine denkmalgerechte Sanierung, zwei bis drei Stockwerke auf die Gebäude aufzusetzen.

Sharon Golan Yaron kümmert sich als Architektin für die Stadtverwaltung Tel Aviv um den Denkmalschutz (Bild: privat).
Sharon Golan Yaron kümmert sich als Architektin für die Stadtverwaltung Tel Aviv um den Denkmalschutz (Bild: privat).

ZZ: Wie laufen solche Projekte normalerweise ab?

Golan Yaron: Das normale Projekt beginnt so, dass der Architekt eine Mappe über das Gebäude erstellt – nachdem wir gemeinsam das Gebäude verstanden und analysiert haben, machen wir einen Plan für die Sanierung. Aber das spannendste sind eigentlich die zusätzlichen Bauflächen, bei denen man sich überlegen muss, wie man sie dem Haus am besten anpasst. Hier muss man sich viele ästhetische Fragen stellen: will man den gleichen Baustil, soll es aussehen wie ein Teil des Gebäudes oder eher wie ein Pavillon, den man draufsetzt?

ZZ: Was sind typische Probleme?

Golan Yaron: Das grösste Problem ist, dass die Gebäude viele Eigentümer haben. Es ist nicht leicht, diese alle an einen Tisch zu bekommen. Um dann die Sanierung zu planen, braucht man wirklich viel Wissen. Man muss die Materie, die Elemente wie Putz oder Öffnungen, sogar das Gewächs drumherum, komplett verstehen.

Das Bauhaus-Museum in der Bialik Strasse in Tel Aviv (Bild: Wikimedia.org).
Das Bauhaus-Museum in der Bialik Strasse in Tel Aviv (Bild: Wikimedia.org).

ZZ: Wie sind Sie zu diesem Beruf gekommen?

Golan Yaron: Ich hab in Berlin und Chicago Architektur studiert und dann in London im Denkmalschutz gearbeitet. Mich hat die moderne Architektur immer besonders fasziniert, in Chicago habe ich in einem Gebäude gelernt, dass von Mies van der Rohe entworfen wurde. Nachdem ich einen Master an der Technion in Denkmalschutz Architektur gemacht habe, begann ich für das Denkmalschutz-Amt in Tel Aviv zu arbeiten. Tel Aviv ist so besonders, weil man die Architektur der Stadt erst einmal verstehen muss, bevor man sie lieben kann. Die Schlichtheit des Bauhaus, dieses FFF (form follows function) gefällt nicht gleich jedem.

ZZ: Wie schwer ist es Israelis ausserhalb von Tel Aviv klar zu machen, dass es sich lohnt, Bauhaus-Gebäude zu erhalten und nicht lukrative zehnstöckige Immobilienprojekte auf den Grund zu setzen?

Golan Yaron: Oft kommen Leute zu mir ins Büro und sagen: „Das Gebäude steht unter Denkmalschutz, aber ich weiss nicht, warum.“ Die würden das Haus am liebsten abreissen. Aber viele Leute verstehen auch, dass die Gebäude etwas besonderes sind, wenn sie erkennen, dass man sie viel besser vermarkten kann. Die meisten sehen auch, dass die Häuser saniert werden müssen. Aber so oder so, die Häuser sind Privateigentum und wir als Stadtverwaltung können sie nicht zwingen, zu sanieren.

 

Das Templer-Viertel Sarona in Tel Aviv wurde kürzlich komplett saniert (Bild: http://embassies.gov.il/)
Das Templer-Viertel Sarona in Tel Aviv wurde kürzlich komplett saniert (Bild: http://embassies.gov.il/)

 

ZZ: Israel ist abgesehen von einigen Städten wie Tel Aviv, Jerusalem oder Haifa nicht unbedingt für seine schöne Architektur bekannt. Was macht das Land architektonisch aus?

Golan Yaron: Bauhaus-Gebäude gibt es überall in Israel. Der einzige Israeli, der in der Bauhaus-Schule in Deutschland studiert hat, Arye Sharon, hat fast das ganze Land geplant. Aber so wie die Stadt Tel Aviv, muss man auch das Land verstehen, um die Architektur zu schätzen zu wissen. Wenn man in die Kibbuzim fährt und sich dort die Essenshallen anschaut, dann haben die einen ganz besonderen, dem Bauhaus ähnlichen, Stil. Durch diese Architektur kann man den Zeitgeist von damals nachvollziehen. Sie ist ein Spiegel der Gesellschaft. Die meisten europäischen Architekten, die nach Israel kamen, hatten noch keine Formsprache. Aber sie wussten, dass sie etwas Neues, Gerechtes schaffen wollten.

ZZ: Frau Golan Yaron, vielen herzlichen Dank für das Gespräch.

 

Auch im restlichen Teil des Landes, vor allem in den Kibbuzim, kann man interessante Architektur entdecken – wie dieser Essensraum im Kibbuz Shoval (Bild: e-architect.co.uk).
Auch im restlichen Teil des Landes, vor allem in den Kibbuzim, kann man interessante Architektur entdecken – wie dieser Essensraum im Kibbuz Shoval (Bild: e-architect.co.uk).

 

Weitere Informationen:

 

 

 

Redakteurin Katharina Höftmann arbeitete im Auslandsbüro der dpa in Tel Aviv und für die WELT ONLINE. Sie lebt als freie Journalistin und Buchautorin in Tel Aviv («Guten Morgen Tel Aviv», «Die letzte Sünde»).

Die neusten Artikel von Israel Zwischenzeilen

Nach Oben